Du stop non-stop*: Hallo aus Strasbourg

*Per Anhalter ohne anzuhalten...

Als ich meinen letzten Artikel online stellte, wusste ich noch nicht, was die nächsten Tage bringen würden, weswegen ich lieber ohne Ankündigungen probierte. Was ich am nächsten Morgen unternahm, war letztendlich nicht weniger als die gewagteste und anstrengendste Reise, die ich je unternahm. Und doch bin ich jetzt, nach einer gut durchgeschlafenen Nacht, in Sicherheit und Gemütlichkeit mit meiner Freundin Manon in der Bibliothek von Strasbourg. Was in der Zwischenzeit passiert ist, war nicht weniger als ein Hochleistung-Tramping-Trip: fast 2500km ohne Plan und ohne Obdach, 57 Stunden unterwegs.

Ich begann also in Chefchaouen auf einer viel zu ruhigen Strasse und wartete. Gegen Mittag erreichte ich den Hafen von Tanger, von wo die Fähren nach Spanien gehen.

 

Herausforderung 1: Eine Fähre ertrampen. Autos, die an der Fähre ein Ticket kaufen, können zusätzliche Passagiere kostenlos mitnehmen. Leider sprach wirklich jeder nur Spanisch und so waren alle sehr misstrauisch über meine Ausführungen. Bloss ein Angestellter kam aus Casablanca und konnte deswegen Französisch - und bot mir seine Hilfe an (habe ich schon einmal gesagt, dass ich die marokkanische Mentalität liebe?). Er fand zwar niemanden, der in Frage käme, aber etwa eine Stunde nach meiner Ankunft am Hafen, sagte er, ich solle zu einem der Manager sprechen, der gerade vorbeikam. Ich erklärte ihm meine Situation und er sagte, ich solle einfach ein Ausreisepapier ausfüllen und durch die Polizeikontrolle gehen, um meinen Pass stempeln zu lassen. Das tat ich, mit zittrigen Knien - einerseits war ich froh über all die Hilfe, aber andererseits konnte ich mein Glück noch nicht so ganz fassen. Und natürlich wurde ich am Eingang des Schiffs nach einem Ticket gefragt, was ich nicht hatte. Ich wurde beiseitegenommen, bis der eigentliche Manager, ein Typ in Anzug, Sonnenbrille und falschem Lächeln ankam. Noch einmal erklärte ich. Der Kapitän des Schiffes kam. Noch einmal. Es folgte ein Moment des sehr unangenehmen Herumstehens, an dem niemand so recht wusste, was er mit mir machen sollte - aber da mein Pass schon den Ausreisestempel trug, konnte man mich wohl nicht einfach so gehen lassen. Irgendwann sagte der Kapitän schlicht "follow me" und brachte mich ins Innere des Schiffes. Statt einer gruseligen Zelle oder vielleicht sogar der Schaltzentrale liess er mich im Passagierbereich stehen. Ich hatte es tatsächlich auf ein Schiff geschafft, ohne dafür zu bezahlen - also quasi im wahrsten Sinne des Wortes ein Schiff getrampt! Ich setzte mich auf einen der Sessel und verhielt mich ganz mucksmäuschenstill, bis man Spanien sehen konnte.

Ankunft in Spanien. Als wir anlegten, fragte ich unter den Autofahrern nach Mitfahrgelegenheiten. Darunter eine junge Frau in einem grossen Auto, die sich bereit erklärte, nach dem Zoll auf mich zu warten und mich für die nächsten 770km zu fahren. Das war eine der besten Fahrten, die ich je hatte - ich lernte viel von ihrem Leben, dass sie als in Marokko aufgewachsene Spanierin hatte, und am Abend lud sie mich zum Essen in einem rustikalen Grill-Restaurant ein. Sie setzte mich an einer Autostation ab, und da es schon Nacht war, wartete sie, bis ich einen neuen Fahrer gefunden hatte - und ausgerechnet zwei Marokkaner brachten mich schliesslich durch die Nacht, bis nach Terragona.

 

Herausforderung 2: Durch Spanien kommen. Ich verstand schnell, woher das schlechte Ansehen von Spaniern bei Trampern kommt. Zum Glück leben Auch Australier dort und Grossfamilien aus Schweiz/Sri Lanka, die gerade aus dem Urlaub kommen. Jedenfalls musste ich mich ein bisschen der phänomenal kurzen Wartezeiten in Marokko entwöhnen und begann, auf einem Gedanken herumzukauen: was, wenn mehr Geld mehr Angst bedeutet, und damit weniger Vertrauen in Fremde?

Nach einem Kräftezehrenden Stopp an einem Strand in Barcelona (von wo niemand nach Frankreich wollte), kam ich am späten Nachmittag in Perpignan an, mit den ersten Anzeichen einer nagenden Erschöpfung. Ich machte Pause mit Schokopudding und Zwieback aus Barcelona und überlegte, dass bald etwas Gutes passieren müsste, weil das immer so in schwierigen Momenten ist - solange man nur etwas Geduld hat. Das Gute hier waren zwei herzlich lachende Frauen, die meinen Geschmack für Musik und Sprachen teilten (eine Übersetzerin, die andere Spanischlehrerin), und mir bei Ankunft in Montpellier eine Packung Kokoskekse schenkten - was sich in der Nacht als echter Schatz erweisen sollte. Ein supercooler französischer LKW-Fahrer (endlich war Ostern vorbei und es gab ein paar Lastwagen auf der Strasse) nahm mich nach Lyon und liess mich auf seiner Kabinenpritsche schlafen, als er Pause machte - und so fest schlief ich, dass er mich bei der Fahrt danach nicht aufweckte. Irgendwann aber musste ich aus dem Tiefschlaf in die Kälte der Nacht. Ich fand jedoch gleich einen Fahrer aus Senegal, der mich immerhin ein bisschen mitnehmen konnte. Als er mich an einem Autobahnrestaurant mit Tankstelle absetzte, war es kurz nach zwei. Eine sehr schlechte Zeit.

 

Herausforderung 3: Die Nacht überstehen. Mir war kalt und ich war schon zwei Tage unterwegs, ohne allzu viel zu schlafen. Die Tankstelle war fast leer, und die Leute entweder extrem misstrauisch oder sehr unfreundlich. Die meiste Zeit aber gab es keine Leute, also nicht mal potenzielle Gelegenheiten, wegzukommen - dabei war ich so nah an Lyon, also Clémentines Wohnort, dass ich einen Bus hätte nehmen können, hätte es denn einen gegeben. Gegen drei fragte ich den Herrn, der das Café bediente (übrigens wieder ein Senegalese), ob ich mich setzen könnte - sonst war ja sowieso niemand da. Er sagte nicht nur ja, sondern spendierte mir auch eine heisse Schokolade und liess mich schliefen, bis um 6 Uhr sein Boss ankam. Danach sass ich noch eine Weile in der Wärme und probierte es dann wieder draussen. Obwohl es langsam hell wurde, war nicht viel mehr los und niemand konnte (oder wollte) mir helfen. Ein junger Holzarbeiter auf dem Weg zur Arbeit hatte Mitleid, konnte mir aber nicht helfen, weil er einen Firmenwagen fuhr. Der nächste Fahrer sagte auch nein, also schlurfte ich mal wieder zur anderen Seite des Areals, um nach neuen LKW Ausschau zu halten. Inzwischen tat auch noch mein Fuss weh, und mein Kopf bestimmt auch. Das war gegen 7:20, und das war ziemlich genau der Moment, wo ich nicht mehr konnte. Leise liefen mir auf dem leeren Parkplatz die Tränen herunter, weil ich sowieso nicht mehr viel sonst tun konnte. Da hörte ich ein Auto hinter mir, und das wunderbare Geräusch eines langsamer werdenden Motors. Es war der Holzfäller. Und da begann der Tag von Neuem, mit einem frischen Glauben an die Menschheit und dem Fliessen eines Herzens nach einer Periode der Enttäuschung. Und wie so oft schien es mein erneutes Strahlen einfacher zu machen, Zutrauen zu fassen und anzuhalten.

 

Herausforderung 4: Verirrungen. Ich war nun "nur noch" 460km von meinem Ziel entfernt und zuversichtlich, es bald zu erreichen. Stattdessen ging ich auf eine eher unfreiwillige Tour durch Weltstädte wie Beaune und Dole und musste auf die Landstrasse ausweichen, weil ich nicht an die Autobahn herankam. So schlimm war das aber nicht - ein Fahrer, der gebürtig aus Algerien war, gab mir Cappucino und Schokocroissant gleich bevor ich Zeuge eines unglaublichen Zufalls wurde. Ich stand an einer Mautstelle und jemand hielt an, weil ich, wie er später sagte, eine positive und vielversprechende Ausstrahlung gehabt hätte. Er war Polizist und fing natürlich mit dem Sermon an, den ich oft zu hören bekomme, warum ich mich solch einer Gefahr aussetze und so weiter, wo ich ja noch nicht mal ein Mann sei. Natürlich hatte er als Polizist eher die schlechten Seiten von Menschen vor Augen und er stimmte ein in den Chorus der Sorge, den ich vor allem in Frankreich zu hören bekam. "Gerade heute, mit all den Attentaten..." Erstaunlich war, dass ich ihn überzeugen konnte, die Sache von einer anderen Seite zu sehen: je mehr wir Angst haben und deswegen nicht auf andere zugehen und unserem Nächsten helfen, desto unsicherer wird der Öffentliche Raum, weil sich Menschen in schwierigen Situationen nicht mehr auf die Hilfe von Anderen verlassen können. Und dann erzählte ich, dass ich gerade aus Marokko kam und in der dortigen Kultur einen erstaunlichen Zusammenhalt beobachtet hatte. Und hier begann es, wirklich unglaublich zu werden! Seine Augen leuchteten auf und sprudelnd erzählte er, dass er in genau dieser Minute auf dem Weg zum Flughafen sei, von wo aus er nach Marokko, seinem Geburtsland, in dem er seit 15 Jahren nicht gewesen war, fliegen würde. Ich freute mich wie bei der Rückkehr eines lange vermissten Verwandten und bat ihn, Fes von mir zu grüssen, dort, wo ich doch erst wenige Tage vorher gewesen war.

Irgendwann erreichte ich das Elsass mit einem Fahrer, der gerade gescheiden war und der mir allzu ausführlich von seinem Liebesleben erzählte. Noch dazu hielt er bei einer seiner Exfreundinnen an, um Sachen abzuholen, und sie sah in mir gleich ihre "Nachfolgerin".

Es wurde langsam Nachmittag, obwohl ich schon gegen Morgen hätte in Strasbourg sein wollen. Stattdessen lernte ich einige Dörfer kennen und beobachtete viele Omis, die an mir vorbeifuhren. Ich erreichte Colmar und wartete wieder eine ganze Stunde. Schliesslich brachte mich jemand auf die Autobahn, wo mich in Sekundenschnelle ein italienischer Tanzlehrer mitnahm und endlich, endlich nach Strasbourg brachte. Um halb sieben am Abend fiel ich also meiner Freundin in die Arme und genoss in ihrer Unterkunft eine heisse Dusche, ein warmes Abendessen und einen kuscheligen Schlaf.

 

Diese Geschichte klingt jetzt schon, nach einer Nacht und in sauberen Leihklamotten, ziemlich unglaublich. Bleibt abzuwarten, was alle diese Begebenheiten letztendlich bedeuten - mehr als den Kick des Abenteuers haben mir die gesamten letzten zwei Wochen viele Gedankenanstösse und Lebenslektionen gegeben, die sich jetzt langsam entfalten werden. Und bald komme ich heim.

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