Marokko 4: Zeit zum Denken

Lange Mittagshitzen bieten wundervolle Zeit zum Nachdenken. Und zum Verdauen all meines gesammelten Gedankenmaterials. Ich habe immer mal wieder Stichworte in meinem Handy notiert, um Dinge wie den unendlichen Himmel und die Stromkabel-Wäscheleitungen nicht unerwähnt zu lassen. Dazu will ich die Grundsätze, die mich gerade motivieren, mal wieder auspacken und im Wüstenlicht beschauen.

Da wäre einmal der Gedanke, dass das Leben außerhalb von zu Hause für Frauen nicht gefährlicher ist als für Männer, und mein ganz persönlicher Geschmack, dass es mehr Nutzen als Schaden bringt, sich auf das Unbekannte einzulassen und zu versuchen, mit Anderen mitzufühlen. Dieser (Touristen-)Ort ist ein gutes Beispiel, leider auch im Bereich der Dinge, die Menschen trennen. Geld, vor allem. Der Unterschied wird hier gemacht zwischen den Reichen, die sich eine Erfahrung und schöne Urlaubsbilder kaufen wollen und den Anwohnern, die vom Reichtum ihr Bisschen abhaben wollen. Niemand hier ist noch Nomade und neben den Feldern in der Oase zum Eigenverbrauch arbeitet eigentlich jeder im Tourismus. Bevor wir kamen, warnte die tschechische Couchsurferin uns, dass es hier keine wirklich kostenlose Unterkunft gebe, also alle zumindest eine kostenpflichtige Teilnahme an einer Kameltour erwarteten. Von uns jedenfalls wollte noch niemand etwas. Wir haben tatsächlich einfach das kleine Apartment, wo wir Tajine mit Gemüse vom Markt kochen, und ab und zu treffen wir Hossein, um zu quatschen oder Gesellschaftsspiele zu spielen. Und selbst hier im Café, wo wir als Kunden sind, bekommen wir Oliven oder Madeleines zu unseren Getränken, sitzen auf der Terrasse am Pool (ich weiß, in der Wüste!) und nutzen das Internet.

Dass die Marokkaner bisher also ziemlich nette Typen sind, ist schon mal nicht schlecht. Jedoch sagt das wenig über Frauendinge aus, da ich ja bisher immer mit meinem Bruder unterwegs war und deswegen für Außenstehende immer zu jemandem "gehörte". Der Weg, darüber mehr herauszufinden, wäre natürlich, alleine weiter zu reisen.

Ein weiteres Thema ist der Minimalismus. Ihr wisst vielleicht noch, dass ich nur mit meiner Handtasche unterwegs bin. Soweit war das erstaunlich einfach, gerade in der Wüste trocknen gewaschene Socken in Windeseile und mit meiner Kombi aus Hose, weitem Rock und Zwiebel-Jacken hatte ich das Gefühl, immer gut angepasst zu sein (auch wenn ich froh bin, nicht wie letztes Jahr in Norwegen zu sein). Allerdings schlich sich mit Robins Rucksack auch etwas Bequemlichkeit ein, wenn es um Reiseproviant, Sonnencreme und andere Teilbarkeiten geht. Es wäre doch sehr seltsam, etwas nicht zu nutzen, wenn es schon da ist, aber die Frage, ob es auch ohne für mich geht, bleibt offen. Wieder wäre das nur im Alleingang herauszufinden.

Und dann ist da die Sache, die ich " Realitäts-Check" nenne. Aber nicht in dem Sinne, dass ich mal wieder mehr "Boden unter den Füßen" finden müsste - sondern eigentlich eher anders herum. Es sind ja vor allem die Menschen um uns herum, die unser Denken und unsere Selbstwahrnehmung prägen. Also sollten wir vielmehr die Gesellschaft von Leuten suchen, die Außerordentliches tun und die uns ein bisschen abheben, also inspirieren können.

Solche Leute will ich auf meinen kleinen und großen Reisen kennen lernen und damit meine eigene Realität gegen das messen, was anders, weiter und vielleicht lebenswerter ist. Wenn euch eine gewisse Ahnung beschleicht, dann lasst euch gesagt sein: auch das, und zwar Menschen treffen und in Unterhaltungen versinken, ist alleine einfacher.


Ihr werdet es gespürt haben: auch wenn sie nett und sicherlich eines jeden konventionellen Urlaubs würdig war, so nähert sich die Zeit mit meinem Bruder ihrem Ende. Ich vermisse zu sehr das, was ich eigentlich suche; die Anderen und auch das gelegentliche Alleinsein, das ich zum Reflektieren brauche. Deshalb wird morgen die zweite Phase starten, das eigentliche Abenteuer, wenn man so will. Ich beginne in Errachidia, nicht allzu weit von hier entfernt, bei einer Studentin - um endlich mal eine weibliche Stimme zu hören, die ich hoffentlich verstehen kann.

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