Der Arabische Mann

Marokko: Prolog

Heute in drei Wochen werde ich am Flughafen in Marrakesch stehen. 

Was dann passiert, ist ungewiss - kein Rückflugticket, maximale Freiheit.

Und die Möglichkeit, einen ganz anderen Teil der Welt zu entdecken, der mir immer mysteriöser vorkommt. Arabien. Was haben wir nicht alles gehört - und wie viel davon ist falsch?

So langsam kristallisiert sich aus der spontanen Bauchentscheidung (mein Bruder: "guck mal, Tickets nach Marokko sind billig" - ich: "ok, lass kaufen") ein Motiv, das vielleicht meine Reise leiten wird. Irgendwas will man ja immer rausfinden. Was mich neugierig macht, ist dieses Bild vom arabischen Mann, das spätestens seit der Silvesternacht bei uns eine dunkle Färbung von potenzieller Gewalt und triebgesteuerten Ausbrüchen hat. Dazu stelle ich mir Kommentare vor wie "und im Islam sind Frauen ja auch nichts wert" und "die haben ja nie gelernt, sich zu benehmen - kein Wunder, dass bei denen alle Frauen verschleiert rumlaufen müssen".

Es wird leicht sein, zu zeigen, dass diese Aussagen nicht stimmen. Sie sind so verallgemeinernd, dass sie gar nicht stimmen können - genau so, wie keine ganze Bevölkerungsgruppe aus Unschuldslämmern bestehen kann, ist es sehr unwahrscheinlich, dass alle Araber dem negativen Vorurteil entsprechen.

Bei Vorurteilen geht es aber nicht um Fakten, sondern um eine Einstellung, der die Fakten dann angepasst werden. Für mich persönlich ist die vielversprechendste Methode also: Einstellung ändern (in Richtung Fairness ggü. der anderen und Einschätzungen, die sich Fakten hinterher anpassen.)

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich will durch Marokko reisen und sehen, wie die Männer dort auf mich wirken. Natürlich hoffe ich sehr, dass ich auch marokkanische Frauen zu Gesicht bekommen werde, aber vermutlich wird das eher so im Nachhinein passieren. Das ist nämlich ein Eindruck, den ich jetzt schon bekommen habe, zumindest auf Couchsurfing: sehr viele junge, aktive Männer.

Vor vier Tagen habe ich spät abends eine offene Anfrage auf Couchsurfing gestellt - das heißt, ich habe für alle potenziellen Gastgebern in Marokko ein Nachricht veröffentlicht, in der ich um Ratschlag gebeten habe. Ich wollte herausfinden, welche Orte für meine Reise am besten infrage kommen, und wer so auf mich antwortet. Bis zum nächsten Morgen hatte ich etwa zehn Angebote aus allen möglichen Orten, fast durchgängig von Männern zwischen 19 und 30 (mit der Ausnahme von einer Familie mit "erwachseneren" Eltern). Manche von denen sind verheiratet, ein Großteil scheint bei den Eltern zu wohnen.

Bis heute habe ich eine Auswahl von 25 Menschen, bei denen ich übernachten könnte. Ich höre euch fragen: Wie sicher ist das?

Gute Frage. Sind das alles gelangweilte Muslime auf Frauenfang? Oder Kamelbesitzer, die mir eine Wüstentour andrehen wollen? Oder etwa liebe Menschen, die genau dieses Bild widerlegen wollen und der ausgeprägten Tradition der Fremdenfreundlichkeit entsprechen wollen? Oder sich einfach freuen, Reisende zu treffen, Sprachen zu üben und Erfahrungen zu tauschen - so wie eigentlich jeder Couchsurfer?

Ich werde euch keine eindeutige Antwort geben - das wäre an diesem Punkt ja bloß Ausdruck meines eigenen Vorurteils in die eine oder andere Richtung. Aber ich frage mich, ob ich nicht einer Antwort im Laufe meiner Reise etwas näher kommen werde. Ich muss aber zugeben, dass ich mich bemühen werde, euch eine positive Antwort zu geben, und aus all den möglichen Begegnungen die auszuwählen, die mich wohlbehalten nach Hause kommen lassen.

Couchsurfing Referenzen sind da aufschlussreich. Die meisten sind echt positiv, ein wiederkehrendes Thema scheint zu sein "und X's Mutter kochte uns die beste Tajine, die ich je gegessen habe". Es gibt auf manchen Profilen aber auch Kommentare wie "X hat uns überall anhalten lassen, um bei seinem "Freund" Schmuck anzuschauen" und "X hat uns diesen Wüsten-Trip verkauft, der sich als vollkommen überteuert rausstellte". Falls ihr noch an dem Punkt seid, wo euch Statistiken interessieren (und nicht sofort ein "hab ichs doch gleich gewusst!" ausgerufen habt): Das waren zwei Profile aus den 25. Es gab drei mehr, die explizit Kamel-Touren anbieten, und entweder gab es dazu noch keine Referenzen, oder die Gäste waren damit zufrieden und fühlten sich nicht bedrängt, das Angebot anzunehmen.

 

Wenn ich mir meine bisherigen Angebote anschaue, könnte meine Reise ein Mix aus Städten (Marrakesch, Fes, Meknès, Agadir, Chefchaouen), dem Atlas-Gebirge (die Dadès-Schluchten), der Wüste (bei Merzouga), und der Küste (Rabat, Tangier, Tétouan) beinhalten. Und Typen von Menschen, die bis jetzt sehr unterschiedlich aussehen, was ihren Grad an formeller Ausbildung und ihre Lebenssituation angeht. Mal sehen, ob sich da aus dem Vorurteil überhaupt etwas anderes ableiten lässt. Höchstwahrscheinlich ein so langweiliges Urteil wie "man muss sich Mühe geben, jeden einzelnen Menschen zu verstehen, genau so wie die kulturellen Hintergründe, in denen sie aufgewachsen sind".

 

Naja, bis dahin überlege ich schon mal, was ich mitnehmen will. Das ist ja auch ein Wiederkehrendes Thema. Wie viel brauche ich, und wie komme ich damit klar, nicht alles zu haben, was mein Herz begehrt. Aber eine Sache habe ich schon mal: gestern habe ich eine neue Ukulele gekauft, nachdem ich die aus Kathmandu beim September-Trampen in Frankreich in einem Auto vergessen hatte.

 

Fast bereit also.

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