Ein sonniger Morgen

Wie ich ganz langsam ankomme

10 Uhr, Worcester College. Ich sitze in meinem Zimmer, habe den mit Kunstfell bestückten Sessel direkt vor mein hinteres Fenster gerückt, um ein seltenes Phänomen zu genießen: Eine Sonne, die den Himmel hellblau strahlen lässt. Der noch nasse Asphalt glitzert.
Indes esse ich Müsli aus meinem Plastikbecher und mache eine Pause. Obwohl das hier bloß die erste Woche ist, habe ich weniger Freizeit als je zuvor in meinem Leben. Oho, das klingt aber drastisch. Freizeit, das klingt, als wäre man sonst unfrei und gezwungen, Fronarbeit zu leisten. Ist es jetzt Arbeit, wenn ich morgens noch im Bett ein Kapitel über Moralphilosophie lese? Oder am Nachmittag ausprobiere, wie man die Klicklaute in manchen afrikanischen Sprachen ausspricht? (Schon mal probiert, gleichzeitig mit der Zunge zu schnalzen und zu sprechen?)
Ich lerne, dafür bin ich ja hier. Zugegeben, manche Dinge sind herausfordernder als andere (...Statistik...), und ich muss mich daran gewöhnen, die meiste Arbeit selber zu machen (statt alles dargereicht zu bekommen) aber so weit hat alles seinen Sinn.
Und so lange ich solche Momente wie jetzt habe, einen kleinen sonnigen Ausblick mit gemütlichem Frühstück, ist doch alles bestens.
Eine Sache, die wohl den Unterschied in meiner Haltung ganz gut zeigt: Eben habe ich eine Mail bekommen, dass ein Tutor krank ist, weswegen der Logik-Unterricht ausfällt, weswegen ich den ganzen Nachmittag frei habe.
Früher hätte ich eine an Jubelsprünge grenzende Reaktion erwartet. Jetzt aber starrte ich ungläubig die Stirn runzelnd auf den Bildschirm. Mich überkam eine irrationale Wut: wie konnte dieser Lehrer, der von mir absolute Anwesenheit verlangt (zumindest gefühlt), einfach den Unterricht ausfallen lassen? 
Könnte auch daran liegen, dass ich die ganze Woche über an den Logik-Aufgaben geknobelt habe, gut und gerne zehn Stunden lang, und jetzt eine weitere Woche darauf warten muss, zu erfahren, ob ich wirklich so blöd bin wie ich mich zwischendurch gefühlt habe. Cheers.

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