Camporgiano - Deutschland

Unglaublichkeiten des Reisens

Achtung: Dieser Artikel ist NICHT empfehlenswert für Leute, die sich gerne Sorgen machen (i.e. vor allem Sorgen um mich), versuchen, das Ende von Geschichten vorherzusagen oder solche, die bei Filmen immer sagen: "Mann, wie unrealistisch!"


Wenn ihr aber bereit seid für ein Abenteuer, wie man es nur auf Reisen erleben kann, dann seid willkommen.

 

Freitagmittag, alias letzter Arbeitstag in der Mulin

Na, was macht ihr beiden jetzt, wo die Saison vorbei ist?

Dora: Ich fahre morgen nach Florenz, von wo ich den Flieger nach Hause nehme.

Und du, Ronja?

Ich: Ähm. Ich möchte nach Mailand. Glaube ich.

Ah, du nimmst dann den Zug?

Ich: Ah. Ja, wahrscheinlich.

Um wie viel Uhr?

Ich: Weiss ich noch nicht. Ehrlich gesagt, habe ich noch kein Ticket.

 

Ein par Stunden später stehe ich wieder an der Bar und plaudere mit einem Gast. Irgendwann fällt der Satz: "Wir fahren morgen mit dem Mietwagen nach Mailand. Wenn du willst, kannst du mitkommen".

 

Samstagnachmittag, oder: gestrandet in Mailand

Da stehe ich nun in Mailand, mein viel zu schwerer Rucksack (diese Bücher! Und warum, warum bloss Gummistiefel??) kämpft mit meinem Willen, vom Bahnhof schnellstmöglich wegzukommen. Es sieht aus wie in Indien; grosse Torbögen, aber dafür überall Leute, die aussehen, als wären sie auf der Durchreise vom Nahen Osten hängengeblieben.

Auf den Strassen sehe ich aber auch Obdachlose, die jung sind und mich daran erinnern, was passieren könnte, wenn ich hier planlos hängen bleibe. Ich beginne die Wanderung zum Dom, um etwas zu tun zu haben. Auf einem Platz mache ich Halt, setze mich zielsicher in ein Kaugummi und beobachte, wie die reichen Leute flanieren. Ich stelle mir vor, wie man wohl aussehen müsste, um ihre Herzen zu gewinnen; mir jedenfalls scheint niemand helfen zu wollen. Ich blättere mich im Internet durch Seiten von Hostels, alle sind teuer oder unsymphatisch. Es ist ja schön und gut, offen für alles zu sein, aber jetzt könnte ruhig etwas passieren.


Da höre ich Lärm die Strasse heraufziehen. Polizisten verscheuchen die Autos. Als ich mich nähere, identifiziere ich die Geräusche als Musik. Ich sehe einen Ochsenkarren und Trommler und Frauen, die in Saris tanzen. Nicht recht wissend, wie mir geschieht, folge ich dem Zug, über beide Ohren grinsend und tanzend, so gut es mit dem Rucksack geht. Welches Schicksal hat dieses Stück indische Fröhlichkeit zu mir gesendet? Vielleicht war es ja wirklich Lord Krishna, dessen Namen die Prozession auf den Lippen trägt. Ich weiss, einfach so, dass ich richtig bin. Ich bin bereit zu folgen, den Wink von wem-auch-immer zu akzeptieren und zu schauen, was passiert.

Wir erreichen bald einen Park, wo die Anhänger Stände aufgebaut haben und kostenloses Essen verteilen. Das kommt mir recht, da ich seit dem reichhaltigen Frühstück im Camper nichts zu mir genommen habe. Ein Musikant sieht meine Ukulele und lädt mich ein, auf einer Decke Platz zu nehmen. Dort sitze ich mitten in der Gruppe, singe Lieder auf Sanskrit, plaudere und vergesse die Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit.

 

Samstagnacht. Die Fügung

Irgendwann fragt mich der Musikant mit Blick auf meinem Rucksack wo ich die Nacht über bleiben werde. Ich weiss es nicht! Er erzählt, dass die Anhänger danach in einen Tempel fahren und fragt auch gleich nach einem Platz für mich.
Doch der Tempel ist voll. Er fragt weiter; es gibt auch eine Gruppe, die nach Genua fährt, dort ist noch Platz. Doch die Autos sind voll.

Ich sitze da und hoffe. Um neun Uhr kommt ein Krishna-Jünger zu mir und sagt: "Willst du noch einen Schlafplatz? Es gibt noch einen Platz im Auto, jetz gleich". Ich springe also ins Auto und fahre nach Genua, während er, Paolo heisst er, auf meiner Ukulele improvisiert. Um Mitternacht kommen wir in der ISKCON-Villa in Genua an, ich bekomme ein weiches Bett und eine Decke und frage mich, warum ich mich je sorgte.

 

Sonntag. Party

Wir stehen um sechs Uhr auf und von da an werde ich begleitet von Krishna-Mantras und Schellen und Gebeten. Heute ist der Geburtstag eines Propheten, weswegen den ganzen Vormittag Andacht und Fasten ist, auf eine recht laute Weise. Dann helfe ich in der Küche, wir alle schnippeln ein wunderbares indisches Essen zusammen.

Am Nachmittag kommen Würdenträger in orangefarbenen Gewändern, es wird getanzt und Diskursen gelauscht; es gibt sogar ein Theaterstück. Dann, um neun, endlich Abendessen, köstlich gekocht, diesmal von einem "echten" Koch.

Inzwischen frage ich mich verstärkt, wie ich wieder auf meinen Weg nach Norden kommen soll. Über die ganzen freiwilligen Dienste und Erklärungen ihrer Philosophie fühle ich mich den Anhängern nahe gekommen und höre mich um. Und tatsächlich bietet mir Paolino an, er könne mich noch am selben Abend zu sich nach Mailand mitnehmen von wo ich weiter könne. Wir übernachten also in seiner Wohnung, mit noch zwei weiteren Gläubigen.

 

Montag. En route

Am Morgen gibt Paolo uns allen Frühstück; nachdem wir den Gottheiten Respekt gezollt haben. Er nötigt mir sogar ein Essenspaket für die Reise auf. Die drei wollen einen Ausflug zum Lago Maggiore machen und nehmen mich ein Stück mit. Bei einem Autogrill an der Abzweigung nach Como gibt es einen herzlichen Abschied und sie bedanken sich sogar für mein unstillbares Interesse.

Jetzt bin ich wieder unterwegs, seltsam. Aber ich bin seelenruhig, weil ich wieder an "den Flow" glaube. Ich gehe unter in all den Möglichkeiten und geniesse auf meiner Zungenspitze das Gefühl, dass Pläne nur Ideen sind. Ich sehe viele deutsche und schweizer Autos, was mich zuerst freut. Bald aber bin ich genervt davon, dass alle Rückbänke schon von Koffern und Kindern überquellen. Schliesslich nimmt mich ein italienisches Pärchen mit, das nach Lugano fährt. Wir haben interessante Unterhaltungen über die italienische Krise, Politikverzweiflung und die deutsche Metal-Szene und ich habe immerhin die erste Grenze geschafft. Im Tessin male ich mein erstes und einziges Schild für den Tag. BASEL. Ich werde gleich von einer Sozialarbeiterin aufgegabelt, die aber nur 35km in meine Richtung fährt. Am Ende der Fahrt aber beschliesse ich, dass die Region mit ihrer Mischmasch-Kultur einen weiteren Besuch wert ist. Allein dafür, dass es nicht absurd ist, mit einer Person auf vier Sprachen gleichzeitig zu reden und sich trotzdem zu verstehen (Deutsch mit Schweizer Einfärbung, italienischem Akzent, französisch-schweizerischen Zendungen und englischen Fachausdrücken). Da sie auch ehemalige Anhalterin ist, setzt sie mich an einer sehr günstigen Stelle ab.

Und wieder ist mir der Zufall hold: ich mache eine Pause, verschwitzt wie ich bin, und stelle mich wieder an die Strasse. Eine Viertelstunde später hält ein Kleintransporter mit Freiburger Kennzeichen, Jackpot.

Der Fahrer hat Arbeitsklamotten an und eine Gasflasche auf dem Beifahrersitz, die er für mich in den Laderaum hievt. Er ist aber gar kein Handwerker oder so, sondern ein Psychotherapeut, der gerade sein Ferienhäuschen in Italien renoviert. Auch er war früher Hitchhiker und gibt mir bereitwillig Auskunft; über die "Generation Rollkoffer", Kehrentunnel und wie man auf der Strasse vorsichtig bleibt. Solange man diese Mindestvorsicht walten lässt, hält er meinen Umgang mit der Angst für wünschenswert: Angst kann man nämlich nur mit Erfahrung sinnvoll begegnen.

Zufrieden komme ich um zwanzig vor sieben in Weil am Rhein an, von wo Adrian mich abholt. Mission geschafft, ich bin heil da, wo ich hinwollte und mit etwas Staunen stelle ich fest: Ich habe für die gesamte Reise von Camporgiano bis Deutschland keinen einzigen Cent ausgeben müssen.

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