T + x

Wie die Zeit Danach. Verstreicht.

Wo bin ich eigentlich?

In den drei vergangenen Wochen war ich mir manchmal nicht so sicher. Die Vogelstang konnte ich neben Köln und Frankfurt als den Platz identifizieren, an dem sich mein Körper befand. In meinem Kopf aber sah es ganz anders aus. Da schlichen sich Bilder hinein, aus ganz fremden Welten.

Manchmal streife ich morgens oder nachmittags über den menschenleeren Bürgersteig und vor meinem inneren Auge drängen sich bunt gewandete Menschen; statt Vogelgezwitscher und dem fernen Rauschen der Autobahn höre ich das Gehupe von Gefährten, die es auf höchstens 30km/h bringen. Einmal drang sogar Kathmandus Straßenlärm ganz real in unsere Wohnung; als Mama verwundert in die Küche kam, stolperte sie in eine Skype-Unterhaltung, bei der ich Kochtipps für Dal Bhat aus mehr als 6000km Entfernung bekam.

Manchmal sitze ich auch ruhig für mich, in der zu groß gewordenen Wohnung mit der Spülmaschine, die ich nie voll bekomme. Manchmal liegt eines der GEO-Hefte, die dank unbeendetem Abo immer noch monatlich ankommen, aufgeschlagen neben mir und lockt mit Bildern aus der Ferne. In der ZEIT ein Bild vom Gokyo-See im Himalaya trieb mir fast die Tränen in die Augen. So vertraut und doch nicht ... echt. Was ist schon echt? Im Philosophie-Unterricht klang das wie eine Frage, die man sich nur zum Spaß am Denken stellt.

 

Vor allem die letzten Wochen, die ich in der Gewitterpfütze der Ereignisse gar nicht schildern konnte, treiben da immer wieder an die Oberfläche. Ein bisschen will ich sie jetzt zu meinem ganz persönlichen Schatz erklären, einem Stück, das ich nicht teilen muss. Und gleichzeitig erzählt diese Geschichte doch um so mehr von einem Land, das es wert ist, geliebt zu werden.

Gerade in der Anfangszeit zurück zu Hause, wenn ich unter der heißen Dusche stehe, deren Wasser genau wie der Strom ununterbrochen fließt; wenn ich in einer Wohnung bin und zwischen zwei Zimmern und zwei Bädern wählen kann. Dann denke ich an die Zeit in der Lehmhütte, als wir im Feuerrauch zusammen saßen und Reis mit Gemüse aßen. Ich und eine nepalesische Famlie, die nie anders lebte als von ihrem Land, den Wasserbüffeln und Ziegen. Die Enge und die Herzlichkeit, mit der auch im kleinsten Heim noch Platz für einen Gast geschaffen wird - auch wenn er ein Unbekannter ist. Ich, die Europäerin, mit den neuerdings so kurzen Haaren, dass kleine Kinder mich für einen Jungen hielten; ich, die meine Freiheit braucht - gebunden durch diesen Familienkitt, der die Sippen durch all die Schwierigkeiten hindurch zusammenleimt.

Die Frage "What to do?" (was soll man auch tun?) wird nicht gestellt, denn als Familie ist man selbstverständlich füreinander da. Und ich wurde im Laufe einer Woche in dieses Gefüge aufgenommen, auch wenn ich keine Büffel melken kann und im Grasschneiden extrem langsam bin. Mit ein paar Brocken Nepali und Gokarnas Übersetzungen vernahm ich den Vater, wie er sagte: "Kein Problem, ich schenke dir ein Stück Land. Dann zeige ich dir, wie man sich eine Hütte baut und du kannst bleiben". Als ich die Mutter über den nahenden Monsun ausfragte, entgegnete sie: "Bleibe noch einen Monat, dann kannst du es selbst sehen. Dann sind auch die Mangos reif". Unterdessen dichteten wir das zu den Seiten offene Dach, unter dem ich schlief, mit einem Stück Plastikplane, weil der erste sintflutartige Regen auf mein Bett tropfte und ich bekam Bauchschmerzen von den unreifen Aprikosen.

 

Noch in Frankfurt trug ich den Kranz aus gelben Blumen, den mir die Tante zum Abschied um den Hals hängte. Die sind inzwischen vertrocknet.

 

Die Verwirrung legt sich nicht. Ich weiß ja auch nicht, was ich will. Letzten Donnerstag, als meine drei Cousinen gerade das Haus verlassen hatten, hatte ich ein Gefühl, dem ich selber nicht glauben konnte. Ich fühlte Heimweh, gleichzeitig für ein Land, bei dem es eigentlich "Fernweh" heißen müsste - und für meine Familie hier, ein Leben, in dem man sorglos und beschäftigt ist und zweimal in der Woche die Großeltern besuchen geht.

Ja, ich hatte schon Heimweh nach zu Hause, dem eigentlichen, obwohl ich noch hier bin. Denn - wer hätte es geglaubt - diese Ruhe wird nicht lange währen. Nicht mal zwei volle Tage. Übermorgen fahre ich gen Süden. Den Sommer werde ich dann zum Arbeiten in Italien verbringen.

Renne ich weg? Die Frage ist berechtigt. Ausgesucht habe ich es mir nicht  so ganz; jedenfalls fühlt es sich zu früh an. Aber den Job schon. Und auf seine Weise ist auch er perfekt. Mehr als zwei Monate in der Toskana, bei Wald und Wiese mit Kindern spielen. So oft habe ich gedacht, damals, in Indien: Jetzt müsste ich noch Italinisch so richtig lernen. Die Chance kam schneller als erwartet. Sie nicht zu ergreifen wäre töricht, oder wie man auch sagt: bescheuert. Wieder ins endlose Lernen, einen Moment Ruhe hatte ich ja. Auch wenn ich mich nach drei Wochen immer noch aufgewühlt fühle. Das wird schon vorbei gehen. Mindestens das sollte ich doch durch die Meditation gelernt haben.

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