Holy Himalaya

Die Geschichte einer Verzauberung

Pokhara, die Stadt am See. Dreißig Grad im Schatten, exotische Blüten, Urlaubsresorts. In der Diesigkeit hinter den Hügeln kann man sie ausmachen, der Ausblick umflockt von Schwärmen von Paraglidern. Die Annapurnas, eine der großen Himalaya-Bergketten. Weiß und fern... 

 

Sechs Tage später stehe ich im Schnee und fotografiere die Stelle, an der mein Trekkingpartner seinen Namen gepinkelt hat. Etwa hundert Meter entfernt liegt der höchste See der Welt, eisbedeckt. Bei dem Aufstieg auf knapp 5000m fühlte ich mich, als würde ich jeden Moment zu heulen anfangen. Wie überwältigend, das Ende der Vegetation und den Beginn des Eises mitzuverfolgen, begleitet von nichts als dem Fernen Donnern der Schneelawinen und des Gletscherflusses tief unten im Tal. Noch lauter ist die Stille. Wann habe ich das letzte Mal so viel Nichts gehört? Habe ich das jemals? Ein anderer Grund für meine Rührseligkeit könnte die dünne Luft sein. Ich bewege mich in Zeitlupe, sorgfältig und stetig aufsteigend. Außer einem leichten Druck auf meinem Kopf und dem Gefühl, plötzlich bei jeder Anstrengung der Hyperventilation nahe zu kommen, spüre ich von der Höhenkrankheit nichts. Wir haben Glück.

Und dann, oben, ist nur diese pflegeleichte Genügsamkeit übrig. Je höher man kommt, desto unechter erscheinen all die normalerweise wirbelnden Gedanken und bis wir oben sind, hat sich die Stille der Berge in unseren Köpfen eingekrochen und wie eine zufrieden schnurrende Katze zusammengerollt.

Zeit für ein bisschen Leichtsinn. Yam (wie gut, dass er so einen kurzen Namen hat) taucht seinen Kopf in nahezu gefrorenes Wasser und ich verpasse unserem nachzügelnden indischen Freund, der noch nie Schnee gesehen hat, eine gehörige Abreibung (wenn auch kurz. Ist nicht einfach, wenn man die Lungenkapazität einer siebzigjährigen hat).

Beim Abstieg bin ich so flott, so von alleine getrieben, dass ich gleich in den nächsten Ort weiterlaufe. Nach sieben oder acht Stunden Marsch schlafe ich Gurt diese Nacht. Meine Begleiter lasse ich aber leider zurück, weil sie es ruhiger angehen lassen. Schon am Tag drauf treffe ich auf jemanden, der meinen Restaufenthalt in Nepal gehörig verändern wird...

Wie so oft ist es eine kleine Entscheidung, die große Folgen hat. Kurz vor dem Örtchen Yak Kharka ist ein kleines Restaurant, ein Rastplatz für Wanderer. Ich habe noch keinen Hunger auf Mittagessen, weil ich durch ein Missverständnis Reis mit Curry zum Frühstück bekam (eigentlich hatte ich nur nach Resten vom Vortag gefragt). Eine Pause brauchte ich eigentlich auch nicht. Aber es waren andere Leute da, vier Trekker, zwei Guides und ein Porter. Einem Impuls folgend setzte ich mich und bestellte einen Tee. Ein bisschen Gesellschaft kann ja nicht schaden. Ich sitze bei den Nepalis und packe natürlich gleich meine paar Sätze aus. Es entwickelt sich eine begeisterte Unterhaltung und wie selbstverständlich laufe ich anschließend mit einem der Führer und seinen zwei Gästen, einer Australierin meines Alters und einem Inder, mit. Gokarna ist heilfroh, dass ich aufgetaucht bin. Mit den Klienten spricht er kaum und er stürzt sich begeistert auf die Aufgabe, mir seine Sprache und Kultur zu vermitteln. Alle drei laden mich dazu ein, die nächsten Tage mit ihnen zu verbringen, da es auf der Höhe nicht ratsam ist, alleine zu laufen. So kommt es, dass ich den Rest der Runde mit ihnen trekke, über den 5416m-Pass und weiter. Danach teilen wir uns ein Taxi zurück nach Pokhara und landen bei Ankunft in der selben Pension. Es ist noch Zeit übrig und ich habe wenig Lust, in Pokhara oder Kathmandu rumzuhängen.

Da setzt Gokarna an. Er gehe für ein paar Tage in sein Dorf, das zwischen den beiden Städten liegt. Keiner der anderen hat Zeit, Lust oder die Neigung auf dieses Abenteuer, also wäre ich alleine. Ist es nicht etwas heikel, mit einem Nepali zu reisen? Und vermessen, sich von einfachen Landbewohnern haushalten zu lassen, die einen nicht mal kennen? Andererseits passt das perfekt in die Lücke aus übriger Zeit... 

Kurzentschlossen sage ich zu. Und gebe Raum für die bezauberndste Erfahrung, die in den paar Tagen Platz hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0