Bergentdeckungen und die Kultur der Tamang

Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte

Nach dem Motto habe ich meine Pläne in einen Pott geworfen - und dann doch was ganz anderes gemacht. Gestern Morgen war ich noch der Überzeugung, möglichst bald den Everest zu erstürmen - bis mir dämmerte, dass ich keine Lust habe, dort in der Gegend festzusitzen. Das kann nämlich schon mal passieren: Anfangspunkt der Treks ist Lukla, erreichbar nur durch den angeblich gefährlichsten Flughafen der Welt. Gerade deswegen können dort Flüge auch mal zwei Wochen verspätet sein. Mit dem Bus kommt man nur bis ins fünf Tage entfernte Jiri... und ich wollte echt nicht nach dem eigentlichen Trek noch einen Rückweg erlaufen. Ganz spontan kam da das Langtang Gebiet in meinen Sinn. Gut zu erreichen und trotzdem wunderschön. Gelockt hat mich vor allem der Tamang Heritage Trail, der erst seit 2012 existiert und deswegen viel weniger überlaufen als Annapurna oder Everest ist.

Bisher fand ich die Entscheidung nicht schlecht. Es fehlt der Glanz der "großen" Treks, aber ich wollte ja Nepal noch mal anders sehen. Das kann ich hier. Ab in den Bus heute Morgen... Nach etwa einer Stunde fing ich eine Unterhaltung mit einer Nepalesin zwei Sitze weiter an. Es stellte sich heraus, dass sie eine außergewöhnliche Persönlichkeit ist. Sie hat mein Alter, kommt aus dem Dorf hier und studiert in Kathmandu. Ihre Eltern sind geschieden und leben in Oman und Israel. Sie spricht Englisch, hat mich ihren Freunden (darunter ihrem Exfreund) vorgestellt und mich herumgeführt. Danach haben wir den Lokalbus ins nächste Dorf genommen und ich durfte die Erfahrung machen, auf dem Dach zu sitzen. Es war fantastisch! Frische Luft, eine super Aussicht (auf Felsen, Schluchten und Wasserfälle), viele nette Leute und Hühner im Korb hinter mir.Auch den Abend verbrachten wir zusammen und ich durfte auch mal bei ihr zu Hause reinschauen. Das war recht skurril: eine Hütte mit zwei Räumen, hintendrin die Großmutter. Sie trug die traditionelle Tracht der Gurung, des Bergvolkes, das hier ansässig ist, dazu eine bunte Häkelmütze und große Goldohrringe an ausgeleierten Ohrläppchen. Im Metallbecher Bier und dazu eine Zigarette aus der Bauchtasche. Außer ihr waren sieben Kinder und Jugendliche anwesend: meine neue Freundin Kripa, ihre drei Schwestern (17, 10 und 5 Jahre alt), ihr Bruder (12) und seine beiden Freunde (die mich zuerst für einen Jungen hielten).In meinem gebrochenen Nepali vermittelte ich Grundideen wie "nettes Haus", "tolle Familie", "ich mag Musik" usw. Nachdem Kripa erzählte, dass ich ein Lied auf Hindi kenne, durfte ich auch noch vorsingen. In der Zwischenzeit über setzte sie, während ich vor meinem Glas Raksi (heimgebrauter Schnaps) ringte. Morgen nimmt sie mich zu einem Event an der Grenze zu Tibet mit: eine neue Brücke nach China wird feierlich mit kulturellen Aufführungen eingeweiht. Da habe ich mir ja einen guten Zeitpunkt ausgesucht - und gute Begleitung gefunden. Besser kann ich die Nepalesische Kultur am Everest auch nicht sehen (auch wenn die Kultur dort noch mal anders sein wird...).

 

 

 

 

 

 

 

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