Auf neuen Wegen zu mir selbst

Ich habe mich lange nicht gemeldet. Verloren gegangen bin ich nicht, aber ich habe weite Strecken bewältigt. Und das meine ich nicht nur im räumlichen Sinn.

Zuerst aber habe ich meinen Englisch-Test abgelegt. Inzwischen habe ich auch das Resultat: genug Punkte für ein Studium in Oxford. Damit ist mir der Studienplatz also endlich sicher!

 

 

Der Aventiure erster Teil: laufen, wohin die Füße tragen

Nach wieder zehn Tagen in Kathmandu für meinen Test hatte ich das Stadtleben und die flüchtigen Beschäftigungen im Touristen-Ghetto gehörlich satt. Fünf Tage Zeit hatte ich noch vor dem Meditations-Kurs, für den ich mich angemeldet hatte. Einfach raus, atmen. Es gibt einen Nationalpark nördlich des Kathmandutals. Ab in den Bus und nach einer Stunde (oder so) bin ich am letzten Stopp ausgestiegen, irgendeinem Dorf. Nach einem guten Dal Bhat ging es los - rechter Hand das Tal und links die Berge, über Wolkenhecken türmend. Nach zwei Stunden kam ich im eigentlichen Park an, wo der Weg kleiner wurde und die Umgebung grüner. Trotzdem sammelte ich zu Forschungszwecken alle Süßigkeitenpapiere, die Passanten achtlos weggeworfen hatten - am Ende des nachmittags waren beide Hosentaschen voll. Gegen fünf kam ich an die nächste große Straße, von wo aus ich den Bus zum nächsten Ort mit Hotel nehmen musste. Am nächsten Morgen nahm ich dann einen weiteren Bus nach Sundarijal, das kleine Wasserfälle hat und ein Ausgangspunkt für lange Treks ins Langtang-Gebiet ist oder Start kleinerer Touren ums Tal. Vormittag und Mittag über ging es aufwärts, fast immer treppensteigend. Beim Mittagessen traf ich auf einen deutschen Mittvierziger, mit Guide und Träger unterwegs. Er plante einen längeren Trek, richtig in die Berge. Wir verstanden uns so gut, dass ich ihn am nächsten Tag weiter aufwärts begleitete, statt weiter ums Tal zu laufen.

Das war eine wirklich gute Entscheidung - eine richtige Herausforderung, sieben Stunden reine Laufzeit und zwar auf und ab ("Nepali flat" - flach auf Nepalesisch). In Kutumsang angekommen fühlte ich mich in richtiger Bergstimmung: umgeben von hartgesottenen Trekkern, die gerade von 4500m Höhe absteigen, kältere Luft und Abendessen mit viel Tee und um den Ofen herum. Dieser Vorgeschmack machte mir richtig viel Lust auf eigene Höhenerfahrung. Wegen des Zeitmangels musste ich aber tags drauf den gleichen Weg wieder zurück um anschließend die Runde weiterzugehen und den Bus zurück nach Kathmandu zu nehmen. Nach fünf Tagen Laufen summten meine Muskeln und wollten mehr. Endlich Everest oder Annapurna, egal! Berge! Laufen!

 

Der Aventiure zweiter Teil: sitzen, bis sie einschlafen

Zuerst aber kam eine Herausforderung ganz anderer Art. Sitzen. Zehn Tage lang, ab in ein Meditations-Zentrum, abgeschnitten von der Außenwelt, nur die Aussicht auf Kathmandu verband uns noch mit dem Stadtleben. Eine Reise ins Innere. Schweigen und mehr als zehn Stunden täglich meditieren. Sonst nichts.

Das Ding bei so einem Kurs ist, dass man sich für die ganzen zehn Tage verpflichtet. Aus gutem Grund, den irgendwann will jeder aufhörenMein härtester Punkt war am zweiten Tag. Vielleicht habt ihr mich schon mal über die Schule schimpfen hören - nutzloses Rumsitzen, argh. Aber auch darüber bin ich hinweggekommen und nach ein paar Tagen war meine Konzentration schon besser. Was macht man da so den ganzen Tag? Also, es gibt wie gesagt zehn Stunden Meditation, beginnend um 4h30 morgens. Um 6h30 Frühstückspause (1 1/2 Std), dann Meditation bis um 11, zum Mittagessen. Von 13h00 bis 17h00 das selbe Spiel, eine Stunde Teepause (Abendessen gibts keines, nur Kekse und Obst zum Tee). Eine weitere Stunde Meditation, dann etwa eine Stunde Diskurs und Erklärungen. Eine letzte Sitzung bis 21Uhr und dann ab ins Bett.

Die Sitzungen waren entweder Gruppensitzungen oder individuelle Meditation. Erstere gab es drei Stunden täglich. Dabei wird man angeleitet und der Lehrer erklärt, auf was man sich konzentrieren muss. Die ersten zwei Tage beobachtet man nur seine Atmung, am dritten Tag auch Empfindungen rund um die Nase. Das ist nur Vorbereitung für das eigentliche Vipassana, das am vierten Tag beginnt. Mit einer frisch geschärften Aufmerksamkeit beginnt man dann, den ganzen Körper auf Empfindungen zu untersuchen: Kribbeln im Ohr, Jucken am Hals, Schwitzen, Schmerzen in den Beinen - alles. Das Wichtige ist, immer nur zu beobachten, nicht zu bewerten. Dadurch bekommt man eine andere Auffassung von z.B. Schmerz; man fokussiert darauf, dass jede Empfindung, egal wie stark, schwach, unangenehm oder angenehm, irgendwann vorbei geht. Das klingt dann so: "Hallo Hüfte. Ich spüre den Schmerz, jap. Aber ich bewege mich jetzt nicht, ich ärgere mich nicht mal über dich. Ich schaue nur. Wirst du stärker? Strahlst du ab? Irgendwann bist du auch weg..."

Am sechsten Tag wurde die Messlatte dann noch mal höher gelegt: Wir sollten uns fest vornehmen, uns die drei Stunden in den Gruppensitzungen nicht zu bewegen. Also im Schneidersitz, Augen geschlossen und höchstens ab und zu den Rücken wieder gerade richten. Was für eine Tortur! Ich weiß nicht, was das Schlimmste war: Klar, war da der Schmerz, ein höllischer Schmerz durchs ganze Bein. Aber noch schwieriger war die Konzentration. Solange man nämlich in Beobachtung vertieft ist, kann man den Schmerz neutral wahrnehmen. Wenn man aber eine Sekunde schwankt - mit einem Gedanken wie "ich frage mich, wie lange es noch dauert" - dann kommt er durch und der Gleichmut ist vergessen. Ein, zwei Mal hielt ich dann meinen Vorsatz: ich saß da, zitternd und wankend, schwitzend und innerlich fluchend - betend für die Stunde vorbei zu sein.

 Das kann es nicht sein, dachte ich - es geht ja um Gelassenheit gegenüber Emotionen! Also versuchte ich mich einfach so lange wie möglich zu konzentrieren - und mir keine Vorwürfe zu machen, wenn es auch mal nur zwanzig Minuten waren. Besonders hart war das an den letzten zwei Tagen, als der Lehrer sagte, wir müssen die Zeit noch mal möglichst gut für letzte Arbeiten nutzen. Und dann kam es so, wie es bei mir oft der Fall ist: ich war nervös und saß nur rum und machte mir deswegen auch noch Vorwürfe. Bei der allerletzten Meditation, am Tag zehn abends, kam es dann. Mir war alles egal, durch die Aussicht auf Freiheit ganz gelöst und leicht trotzig fragte ich meine Schmerzen: "Sag, WO genau seid ihr?". Da wurden sie erst stärker und versuchten zu schreien: "Wir sind überall!!". Aber nach einer Weile fühlte ich dann die Knotenpunkte: an der Hüfte, dem Knie, dem Knöchel. Und je mehr ich zuschaute, desto diffuser wurden sie. Auch sie waren nur Vibration, erst mal auseinandergenommen. Stark, zugegeben. Doch irgendwann lösten sie sich auf, bis meine Beine sich nur noch wie ein Bienenstockgeräusch anfühlten. Und plötzlich hörte ich die Klingel, die das Ende ankündigten. Der Raum erwachte zum Leben, zum gewohnten unterdrückten Stöhnen, Beine ausschütteln und Aufstehen. Ich blieb noch einen Moment sitzen, breit grinsend. Zehn Tage lang hatte ich der Pause immer so entgegengefiebert und jetzt war es mir komplett egal. Ich hatte den ersten Schritt getan! Gleichmut, hallo!

Zu dem Zeitpunkt war auch unser Schweigegelübde schon aufgehoben, um uns auf die Außenwelt vorzubereiten. Statt nobler Stille herrschte nun nobles Geschnatter, was mich anfangs über forderte. Dann aber brach der Damm und ich lachte mit den anderen, die ich kannte ohne viel mit ihnen gesprochen zu haben - Worte sind nicht alles. Diese krasse Erfahrung band uns mehr als alles andere und wir teilten die Erleichterung mit Ausbrüchen übertriebener Heiterkeit. Am nächsten Tag teilten wir dann auch einen Minibus nach Kathmandu und verbrachten den gesamten Nachmittag über Pizzas und ausladenden Gesprächen. Aus dieser Gruppe überdauerten weitere fünf, die wir zusammen ins selbe Hostel gingen. Dort saßen wir uns auch tatsächlich zusammen ins Zimmer und meditieren für die abendliche Stunde. Zuerst mussten wir ein bisschen kichern - wie seltsam das wohl von Außen aussah! Und trotzdem zogen wir es durch. Ich habe seitdem noch keine der zwei täglichen Stunden ausgelassen. Inzwischen Teile ich mir ein Zimmer mit Amanda, einer Mitstreiterin. Nach unserem selbstgemachten Obstporridge und Tee heißt es dann immer eine Stunde Sitzen.

Und wenn ich sehe, wie viel gelassener ich jetzt schon bin, bin ich wirklich motiviert, weiterzumachen. Immer wenn ich mich aufrege, habe ich jetzt einen Reflex, die "ist doch nur eine Empfindung"- Stimme. Das heißt nicht, dass ich gegen alles immun bin, nach zehn Tagen ja auch unwahrscheinlich. Aber wenn mich jetzt jemand beleidigt, zum Beispiel, dann bin ich erst verletzt. Dann sehe ich, was das mit mir macht. Manchmal ist das so interessant, dass ich meinen Ärger schon wieder vergesse. Wenn nicht, multipliziere ich ihn zumindest nicht mehr. Irgendwie wird das "so-und-so hat das-und-das gesagt/getan und das fand ich doof" schneller langweilig. Und wer weiß - irgendwann kann ich mich vielleicht wichtigeren Dingen widmen als dem, was mich sonst so aufregt.

 

Wie geht es jetzt weiter? Ein Monat ist noch übrig. Heute oder morgen fällt die Entscheidung, was genau ich will, aber im Groben werde ich Nepal noch mal neu erkunden. Berge auf jeden Fall. Vielleicht die Annapurna Runde im Westen oder doch zum Everest Base Camp im Osten. Vielleicht schaffe ich es auch noch weiter östlich, wo es grüne Täler und Teeplantagen gibt. Nepal hat so viel zu bieten! Irgendwas daraus werde ich mir herauspicken. Ich kann nicht alles machen - dann komme ich halt später noch mal wieder! Aber jetzt schaue ich einfach mal, was geht.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Duales Studieropfer =P (Dienstag, 06 Mai 2014 19:51)

    Hey Ronja,

    Ich glaube ehrlich, ich könnte so eine Meditationseinweisung auch ganz gut gebrauchen. Es geht bald wieder auf die Klausurenphase zu und da ich ein paar Wochen ob eines Krankenhausaufenthalts gefehlt habe, bin ich dieses Mal doch um einiges gestresster als das letzte Semester...

    Bist du eigentlich vor England (Glückwunsch übrigens zum bestandenen Aufnahmeverfahren --- so im Ganzen) nochmal hier ?
    Wenn ja kann man sich ja vllt mal treffen :) und meditieren :D

    Viele liebe Grüße
    K

  • #2

    ronja-en-france (Freitag, 16 Mai 2014 17:01)

    hallo meine Liebe!
    Sorry fürs Nicht-Melden... War gedanklich und Internetmäßig weg vom Fenster... Hol ich nach und jaah, in ganz bald (drei Wochen??) bin ich wieder da, bis was Neues passiert. Studieren gehe ich erst im Oktober. Auf jeden Fall haben wir dann noch Zeit zum Quatschen ... und meditieren :-)