... und vom Zusammenfinden

Perfektes Timing für ein bisschen Heimeligkeit

Ich habe den ganzen Nachmittag durchgeschlafen, gerade ein von Anujs Mutter zubereitetes Abendessen genossen (ich habe schon erwähnt, dass niemand wie indische Mütter kochen kann) und sitze jetzt neben Anne-Laure im Bett. Nach ein paar aufregenden Reisetagen/-Wochen ist jetzt mal wieder Zeit, sich ein bisschen aufgehoben zu fühlen.

 

Der zweite Abschnitt meiner Reise-Erfahrung unter dem Motto "Ronja allein in Indien" war erwartungsgemäß aufwühlend. Womit ich meine, nach der gemütlichen Zeit in Pondicherry war ich bereit für ein bisschen mehr, ähm, Action. Da mir der Hintern von dem klapprigen Fahrrad wehtat, sah ich von meiner Idee, eine kleine Fahrradtour zu machen, erst mal ab. Gleichzeitig ging mir auf, dass ein Zugticket bedeutend billiger als eine Hotelübernachtung ist.

Ihr seht sicher, wo dieser Gedankengang hingeht. Am Morgen nach meinem letzten Blogartikel (meine Zeitwahrnehmung ist abgesehen davon etwas durcheinander, weil die Tage sehr unterschiedlich lang sind und generell viel länger als zu Hause - es passiert einfach zu viel) wanderte ich also durch die Stadt und kam ganz zufällig am Bahnhof vorbei... Und siehe da. Ein Zug kam angerollt, Richtung Süden. Ihr müsst mir nicht sagen, "aber du wolltest doch nach Chennai... im Norden Pondicherrys?". Die Sache ist, ich hatte zwei Nächte übrig, und dafür ist Chennai nicht weit genug weg. Ab an die Südspitze also!

Ich kam gerade rechtzeitig zum Sonnenaufgang in Kanyakumari an, was das beste ist, dass man dort sehen kann. Nach fünf Stunden war es mir auch schon wieder genug (verständlicherweise hatte ich nach der Reise nicht unheimlich viel Energie, umherzulaufen oder Trips in die Gegend zu unternehmen). Ich nahm also auf gut Glück den nächsten Zug, mit dem Vorteil, dass vom äußersten Süden alles irgendwie in der richtigen Richtung - Norden - liegt. Ich fand mich in Trivandrum (das eigentlich Thiruvananthapuram heißt, aber von ignoranten Europäern einen neuen Namen bekam - man fragt sich, wieso) wieder, das dann doch auf der falschen Küstenseite liegt, wenn es nach Chennai gehen soll. Ein Problem war das natürlich nicht. Ich kaufte ein Ticket für den Nachtzug nach Chennai für den selben Nachmittag und genoss die Stadt noch ein bisschen.

Auf dieser Fahrt durfte ich auch endlich das Phänomen "Indien in vollen Zügen" erleben. Ich war nämlich bis dahin ein bisschen enttäuscht, immer so unverschämt viel Platz vorzufinden. Das Problem hatte ich jetzt zum Glück nicht mehr - ich verbrachte zwei Stunden, in denen ich nicht mal beide Füße vollständig auf den Boden bringen konnte, immer schön eingekeilt zwischen den anderen Reisenden. Ich beglückwünschte mich zur Entscheidung, im "Ladies compartment" zu fahren, da ich mich vielleicht wie eine Sardine fühlte, aber immerhin nicht wie eine bedrängte oder belästigte (womöglich von Heringen?). Zuerst hatte ich die Unterscheidung zwischen "ladies" und "general" ein bisschen diskriminierend empfunden, aber es ist offensichtlich, dass man sich damit als Frau alleine deutlich sicherer fühlt. Solange die Sache mit der uneingeschränkten Gleichberechtigung noch nicht in den Köpfen aller Inder angekommen ist, will ich es nicht drauf ankommen lassen. Durch den Trick mit der Hängematte hatte ich sogar einen eigens kreierten Schlafplatz und eine relativ lückenlose Nachtruhe.

Ich kam also am Samstagmorgen in Chennai an, wo das einzig Blöde war, dass ich vom Rikschafahrer übervorteilt wurde, weil ich nicht wusste, wie lange die Fahrt war und deswegen keine realistische Preisvorstellung hatte. Sowas passiert halt. Den Sonntagnachmittag verbrachte ich mit einem SAYC-Freund, der mir die Stadt und den Strand zeigte und mir danach einen Vorgeschmack auf die "haute cuisine" des Nordens gab. Das war wirklich ein kulinarisches Erlebnis ohnegleichen! Ein "einfaches" Essen aus Curry und Reis/Brotfladen ist ja schon durch die Gewürzvielfalt außergewöhnlich, aber das hat alles getoppt! Nach kleinen, salzigen Gebäckstücken und einer Linsensuppe und Salat mit Minzsoße wurde... aufgefahren. Und zwar in kleinen Schälchen, an der Zahl sieben - in jedem ein Curry (also von der Konsistenz dicken Eintopfs). Zwei weitere Schälchen, mit süßem Mandeljoghurt und ebenfalls süßem Karottenmus. Dazu gab es vier verschiedene Arten Brot, die alle etwas"pfannkuchenartig" aussahen, aber aus verschiedenem Mehl gemacht werden und teilweise mit Gemüse oder Kartoffeln gefüllt werden. Außerdem war da noch etwas, dass mich etwas an Kartoffelbrei erinnerte, aber aus Reis gemacht wird. Und flache Küchlein, die aus Zucker, Fett und ein bisschen Mehl in der Mitte gemacht werden. Und sehr knusprige Fladen, die zerbröselt mit dem Brei gegessen werden. Ich bin nicht sicher, ob das alles war, ach ja, ich habe die salzige Buttermilch zum Trinken vergessen.Ihr könnt euch vorstellen, dass meine Geschmacksnerven stark gefordert waren. Selbstverständlich waren die sieben Currys auch alle extrem unterschiedlich - mit verschiedensten Gemüsen (unter anderem der exotischen Okraschote, die auch "Ladyfinger" genannt wird), mal zitronig, mal cremig, oft dezent pikant, mit Noten, die ich nicht zuordnen kann. Und alles ohne Fleisch, weil das traditionell in der Küche Rajasthans und Gujarats nicht vorgesehen ist. Ich muss aber sagen, dass so ein Festmahl perfekt durchdacht ist, da die ganzen aufregenden Geschmäcker durch den Joghurt und die süßen Bestandteile immer gut im Rahmen gehalten werden. Wer denkt, dass indische Küche nur scharf ist, hat sich also gewaltig geirrt. Geschmacksreich trifft es besser. Wem jetzt der Mund noch nicht wässrig ist,na, dann weiß ich auch nicht, wo das Problem liegt...

 

Und wieder einmal kam die indische Gastfreundschaft zum Vorschein. An dem Tag in Chennai wurde ich überall hin eskortiert und durfte höchstens daran denken, irgendetwas selbst zu bezahlen (nur, um dann zu hören "nein, nein, nein, du bist Gast hier!"). Ähnlich ist es hier in Delhi, wo wir nach dreißig Stunden Fahrt ankamen. Anne-Laure stoß in Chennai nämlich zu mir. Jetzt sind wir bei Anuj zu Hause - ich bin das dritte Mal hier und es fühlt sich wie mein "Basecamp" in Indien an. Wir haben ein ganzes Stockwerk für uns und einen Anuj, der schon ganz aufgeregt ist, uns ein best of seiner ellenlangen Besichtigungs-Liste der Stadt höchstpersönlich zu präsentieren.

 

Ich freue mich sehr auf diese nächsten Tage, in denen unsere einzige Aufgabe sein wird, zu entscheiden, welche Erstaunlichkeit wir zuerst besichtigen wollen.

 

Ein bisschen ist mein Plan aufgegangen. Die knapp zwei Wochen alleine waren schön, aufregend, aber auch sehr anstrengend. So sehr, dass ich momentweise das erste Mal so richtig an zu Hause dachte - schön isses doch, ein Zuhause zu haben, nicht wahr?  GGerade am Ende, im Zug, erlebte ich auch zuerst das Gefühl, von anderen durch die Sprache abgeschnitten zu sein. Zwei, drei Tage lang hatte ich keine ordentliche Unterhaltung, weil im Zug niemand so richtig Englisch sprach und kein Ausländer zur Hand war.

Es ist also doch der richtige Moment, wieder unter Freunden zu sein (und Anne-Laure und ich hatten uns auch sehr, sehr viel zu erzählen). Die Erfahrung aber war lehrreich, genau wie ich es wollte. Die Ideen in meinem Kopf sahen anders aus, nachdem sie eine Weile nicht rausgelassen wurden und ich lernte viel über die Freiheit, jeder Laune zu folgen, aber auch dem einhergehenden Problem, dabei die Orientierung zu verlieren, weil man so viel Freiheit fast nie hat. Knapp gesagt: alles ist bestens.

Und was freue ich mich auf den Norden! Endlich eine halbwegs vertraute Sprache (Hindi) und viele Dinge zu sehen - bei nicht ganz so schweißtreibenden Temperaturen.

 

 

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