Vom Alleinsein

... das es kaum gibt

Vor ein paar Tagen haben Anne-Laure und ich eine Entscheidung getroffen. Nach so mancher Unterhaltung über die Natur des Reisens ist uns aufgefallen, dass wir bis Chennai, Anfang Februar, getrennt reisen wollen. Anderthalb Wochen also um zu testen, wie wir alleine zurechtkommen. Das klingt erst mal seltsam, war ich doch so froh, sie zu haben, um meine Erlebnisse mit jemandem teilen zu können. Es macht ja so viele Dinge einfacher. Aber ich hatte ja schon erwähnt: Leichtigkeit ist nicht, was ich suche. Ich ließ sie also schweren Herzens gen Munnar etwas östlich ziehen und machte mich selbst gen Süden auf. Ich stellte mich darauf, ein, mich etwas verloren zu fühlen, aber immerhin etwas  uüber mich selbst und das Zurechtkommen zu lernen.

 

Das ist vielleicht ne Woche her. Und, haha, ich fühle mich gar nicht einsam! Man muss schon eine Menge Absicht dahinter legen, wenn man alleine bleiben will... Ich begann also in Alleppey und nahm das Boot in einen monstruös großen Ashram. Dort blieb ich zwei Nächte und freundete mich mit einer Gruppe von Schweizern und Franzosen an (selbst hier ist es immer wieder von Vorteil, nicht nur englisch zu sprechen). Am dritten Tag dann, beim Frühstück, stand auf einmal der Oliver auf der Matte! Was für eine Überraschung, was ein Wiedersehen. Oliver kommt aus Freiburg, war auch auf dem DFG in meiner Stufe und macht jetzt ein FSJ in Tamil Nach. Ich habe ihm erzählt, dass ich im Ashram war und so fuhr er auf gut Glück los, mich zu besuchen.

 Und fand mich auch prompt inmitten von dreitausend Bewohnern! Nach einem Vormittag am Strand zum Geschichten-Austauschen (weißt du noch, die soundso? Ach, die studiert jetzt auch in Heidelberg?) ging es dann per Nachtzug nach Madurai. General compartment, was heißt: die Nacht auf der Gepäckablage schlafen. Was im Vergleich zu Geschichten von anderen vollen Zügen ein Glücksfall ist. Und sowieso, der beste Teil der Fahrt war der, in dem wir meine neu erstandene Hängematte aufspannten - ob sowas wohl irgendwo anders möglich wäre?

Abgesehen von dem beeindruckenden Tempel hat Madurai nicht viel zu bieten, vor allem nicht für müde Reisende. Vergeblich suchten wir einen Park, in dem wir nicht von Kindern begafft oder auch belästigt wurden und landeten am Ende im Kino - immer ein guter Zeitfüller.

Da trennten sich unsere Wege schon wieder, weil er wieder in sein Projekt zurückmusste. Ich bekam dank Tourist quota einen Liegeplatz im Zug und schlief selig bis Chennai, obwohl ich für Pondicherry vier Stunden früher raus gemusst hätte. Der Schlaf war es aber wert und außerdem traf ich Moritz, den ich noch aus dem Ashram kannte, weil ihm das selbe passiert war. Wir nahmen den Bus nach P. und ich profitierte von seinem Reiseführer, da ich ja selbst keinen habe. Nach anderthalb Tagen in dieser so charmanten französischen Kolonie, die wir mit einem weiteren "alten Bekannten" (vom Boot, wieder so eine Zufaklsbegegnung) verbrachten, bin ich jetzt eigentlich das erste Mal alleine.

Ehrlich gesagt ist es total angenehm. Ich kann machen, was ich will! Gestern bestand das in einem Nachmittag mit Picknick und Hängematte im Park - hier gibt es so was nämlich. Heute habe ich ein Fahrrad gemietet und bin nach Auroville rausgeradelt. Das ist ein Ökodorf im Norden der Stadt. Die qualitativ hochwertigen Bioprodukte und das Fahrradfahren, so wie die ganzen Franzosen, erinnern mich angenehm an Freiburg. Die Gegend eignet sich sehr gut, um sich mal wieder daran zu erinnern, was in Europa auch ganz schön ist: die Ruhe, das Grün, die Einfachheit (da ja alles von gut sichtbaren Regeln bestimmt ist) und eine gewisse Lebensart oder vielmehr Subkultur, die ich schätze (da wären Konzerte und irische Musik, der besondere Stil, den London und seine Bewohner hat und Low-Budget Filme mit sehr viel Aussage, die man sich in kleinen Kinos unter persönlicher Betreuung anschauen kann).

umso besser! Genau das alles werde ich nämlich genießen, dann, wenn ich gerade zur Picknick- und im-Grünen-Saison zurückkomme. Dann freue ich mich, mal wieder Bio-Humus im Supermarkt zu kaufen und auf dem Bauernmarkt das Gefühl zu haben, dass man mit dem ganzen Geld doch irgendwie was Gutes tut.

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Charly (Freitag, 31 Januar 2014 12:13)

    So entspannt. Da wird man glatt neidisch...hier stehen in ca 3 Wochen die Klausuren an und ich komme nicht umhin mich zu fragen, ob dieses Studium tatsächlich so eine gute Entscheidung gewesen ist... Doch wie meinem Namen zu entnehmen...ziehe ich das jetzt durch. Einmal angefangen wirds jetzt auch zu Ende gebracht!

    Ich bin trotzdem ehrlich zu mir, wenn ich zugebe jeden Tag von Zweifeln eingeholt zu werden.

    Schreib weiter...das lässt mich träumen!