Farben, Sonne, Düfte (und Gestank)

Zweite erste Eindrücke von Nepals Straßen

Gestern, nach einer langen, unfreiwillig durchlesenen Nacht (dank verwirrtem Biorhythmus) war ich gegen Mittag endlich bereit, die Stadt ein bisschen eingehender zu erkunden. Die kostenlose Karte von der Rezeption war gerade detailliert genug, um zu wissen, dass ich Richtung Süden gehen sollte. Ein genauerer Plan hätte mir bei all den Gassen sowieso nicht geholfen. Während ich am ersten Tag noch regelrecht verstört reagierte, als ich von den breiten Straßen des Touristenviertels in die engen Gässchen dahinter vorstieß, wo ich plötzlich als einziger Blondschopf ungewollte Aufmerksamkeit erhielt ("Namaste, madam", "Hello!" - meistens mit irgendeiner Verkaufsabsicht dahinter)war ich gestern etwas gefasster. Langsam, langsam gewöhne ich mich daran. Ich ließ mich also treiben und versuchte, keine Angst vor eventuellem Verirren zu haben.

So, wie steht es mit den Eindrücken? Lebendig ist es allemal. Frauen in bunten Gewändern, Straßenverkäufer, die Obst und kleine Snacks herumkarren. Im Vergleich zu Deutschland ist es staubig, wahrscheinlich sogar dreckig, weil es keine Mülleimer gibt und alles auf der Straße landet. Im Vergleich zu Indien (womit ich von größeren Städten spreche) ist es sauber und ruhig. Die Gehwege werden gekehrt (der Müll liegt also höchstens auf ordentlichen Haufen) und der Verkehr hält sich in Grenzen. Nur die Luftqualität hält sich in Grenzen, andersrum gesprochen. Das ganze Tal ist ein Abgaskessel. Von Ferne locken die schneeweißen Gipfel der Berge. Fast alle hier im Hostel warten nur darauf, endlich die Stadt zu verlassen und zu wandern. Praktisch jeder wandert. Mit zwei Monaten in Kathmandu bin ich eine große Ausnahme. Es ist sicherlich eine Schande, bei solch großartiger Natur in der Stadt zu bleiben. Ich freue mich aber auch, etwas Zeit für einen Ort zu haben. Zu Mittag fand ich ein eher untouristisches Lokal, in dem ich Momos probierte, ein berühmtes Nepalisch/Tibetisches Essen. Die Teigtaschen, die vom Aussehen an chinesische Dim Sum oder sehr blasse Ravioli erinnern, waren gefüllt mit wundervoll gewürztem Gemüse. Ich liebe das Essen hier, das mit viel Gemüse auch recht gesund ist (für Fleischliebhaber gibt es aber auch Yak und Hähnchen. Kühe laufen nur durch die Straßen und werden nicht gegessen).

 

Außerdem bestieg ich einen Turm, von dem ich eine tolle Aussicht auf die Stadt hatte: aneinandergeduckte Häuser, selten durchbrochen von modernen Glasfassaden oder geschwungenen Tempeldächern. Ein magischer Moment ereignete sich auf dem Rückweg: von der quirligen Einkausstraße bog ich ab und fand mich plötzlich wieder in der Ruhe eines Tempelgeländes.

 

Ansonsten, neben der Kühe (die nicht so zahlreich sind wie in Indien), finden sich viele sandbraune Hunde auf den Straßen. Zwei Affen habe ich auch gesehen. In der Dämmerung besonders schweben Schwärme von rabenartigen Vögeln durch die Lüfte, die im schwindenden Licht fast wie gigantische Fledermäuse aussehen.

Heute habe ich mein "Vorstellungsgespräch". Wahrscheinlich fange ich dann morgen mit der Arbeit an. Mein Plan war, Übermorgen in einen etwas ruhigeren Vorort zu ziehen, wo ich das Zimmer schon reserviert habe. Das könnte sich aber als etwas schwierig erweisen, da sich Nepals öffentlicher Verkehr gerade im Generalstreik befindet. Am 19. November sind Wahlen. Es gibt so viele Dinge, die ich nicht wusst über diese noch junge Regierung. Bei einer Zeitung zu arbeiten klingt wie das perfekte Mittel, zu lernen.

Wo wir beim Lernen sind: Im Rahmen der Abendanimation des Hostels habe ich gestern eine Privatstunde in Nepali bekommen (da sonst niemand interessiert war). Ich lernte die Zahlen bis fünfzig (oder zumindest ungefähr, wie sie funktionieren) und mein Lehrer lobte mich für meine Kenntnisse der Dev'nagari-Schrift, die ich noch im Hindi-Kurs in Freiburg erwerben konnte. Mit dem Sprechen klappt es noch nicht so. Wie zu erwarten, bin ich verwirrt von den Fragmenten, die ich noch aus Hindi kenne. "Ich heiße Ronja" ist in Hindi "Mera naam Ronja hu" und auf Nepali "Mero naam Ronja ho". Mein Lehrer hat mir auch schon einen tollen Spitznamen verpasst. Ich hatte mich nämlich als "Ronni" vorgestellt, um zu vermeiden, dass mein Name "Rondscha" ausgesprochen wird. Er f , das klang wie "Rani", was in Nepali "Königin" bedeutet. War doch was dran, als meine Eltern mich früher die "Prinzessin auf der Erbse" genannt haben ;-)

 

Ihr seht, ich habe viel zu erzählen. Es tut auch ganz gut, weil es mir selbst Zeit gibt, all die Eindrücke zu verarbeiten. Ich bin nämlich noch nicht in der Lage, den ganzen Tagauf Achse zu sein. Heute Nacht immerhin habe ich gut geschlafen (11 Stunden). Jetzt bin ich in T-shirt und luftiger Hose (-> meine erste Anschaffung) auf meiner heißgeliebten Dachterrasse, im Sonnenschein. Warme Klamotten braucht man nur, wenn es dunkel und gleichzeitig auch recht kühl wird.

 

Ich sende euch viele liebe Grüße aus dieser anderen Welt und wünsche euch ein bisschen von der Ruhe, die unter dem ganzen Trubel zu liegen scheint.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Rani (Mittwoch, 13 November 2013 08:47)

    PS: tschuldigung für die Rechtschreibmängel und fehlenden Wörter. Diese Website ist so android-diskriminierend und hat bisher nur eine APP für Apple entwickelt. Was bedeutet, dass der Blog vom Tablet aus manchmal seltsam reagiert. Und euch einen Lückentext lässt ;-)

  • #2

    der Papa (Mittwoch, 13 November 2013 18:10)

    http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/NepalSicherheit.html

    bitte unbedingt einmal lesen. Gerade auch wegen der bevorstehenden Wahlen.

  • #3

    ronja-en-france (Samstag, 16 November 2013 11:01)

    danke fuer den Link. Schon gelesen.