Von Märchen und glücklichen Enten

Um es vorweg zu nehmen: dieser Artikel hat nichts mit Enten zu tun. Außer vielleicht, dass mir ein Israeli Anfang des Monats sagte, er könne sich kaum glücklichere Wesen als Enten vorstellen. Ich bin froh, dass ich keine Ente bin und glaube, ich könnte kaum glücklicher sein.

Deswegen ist dies ein Eintrag über Happy Ends. Manon und ich verbrachten zwei Tage in Bristol, eine interessante Stadt, aber - gähn - bei einem Deutschen. Es gibt sicherlich interessante und alternative und inspirierende Deutsche, ohne Zweifel. Er gehörte nur nicht dazu. Naja, er war so nett, uns ein Bett zu spendieren, das spricht für ihn. Dann, am Mittwoch, nahmen wir den Bus nach London. Wer mit unserer bisherigen Reise vertraut ist, wird nicht überrascht sein, zu erfahren, dass wir bei unserer Ankunft am Nachmittag noch nicht wussten, wo wir die Nacht verbringen sollten. Zaghafte Versuche, Kontakte zu gastfreundlichen Leuten in London nutzbar zu machen, scheiterten. Und trotzdem verbrachten wir die erste Stunde mit dem Besichtigen der Gegend um Westminster Abbey. Immerhin war es Manons erster Besuch in der Stadt und wir hatten keine Zeit zu verlieren. Nach weiteren zwei Stunden Marsch in den Nordwesten der Stadt waren wir in Paddington, dem Gebiet, wo ich letzten Sommer zwei wundervolle Wochen auf dem Kanal verbracht hatte.

Man merkt die Hoffnung, die verrückte, kleine Hoffnung, die sich da in meine Gedanken eingeschlichen hatte. Sam hatte auf meine letzten Mails nicht geantwortet und ich wusste nichts über seinen Verbleib. Und doch waren wir nun am Wasser, bereit, noch etwas weiter zu laufen, in dem Wissen, dass wir uns endgültig gestrandet erklären müssten, wären wir erfolglos. Wie lange sollten wir laufen bevor wir uns geschlagen gäben? Ich weiß nicht genau, wie viele Kilometer Kanal es in London gibt, aber das Netz aus Wasserwegen erstreckt sich durch fast die gesamte Stadt nördlich der Themse. Selbst wenn Sam in der Stadt wäre, war die Chance so gering, ihn an der gleichen Stelle wieder zu finden, wo ich ihn zuletzt gesehen hatte.

In diesem Wissen versuchte ich also, vorgestern Abend den Kanal entlangzulaufen, so tuend, als sei es bloß ein Spaziergang in der Nacht. Kein leichtes Unterfangen, vor allem, als wir diese seltsam vertrauten Stellen passierten. "Schau, Manon: auf diesem Bürgersteig haben wir eine Pizza-Party gefeiert, einfach auf dem Boden neben dem Boot. Es war so seltsam und lustig, die gestressten Passanten vorbeilaufen zu sehen und daneben zu sitzen und sich ganz zu Hause zu fühlen. Und hier, diesen Pier bin ich immer barfuß entlanggelaufen, um auf's Klo zu gehen. Es war mehr  ein verlängerter Korridor als ein öffentlicher Gehweg".

Und je weiter wir liefen, desto mehr verabschiedete ich mich von der schmerzhaft unterdrückten Hoffnung, mich hier wieder zu Hause zu fühlen. Wir passierten besagtes Klohäuschen, als ich ein goldenes Schimmern auf dem Dach eines der Boote ausmachte. Bronzene Pflanzentöpfe... Ich kannte ein Boot mit solchen Töpfen. Im Sommer zogen wir Rhabarber darin. Und ein Tisch mit Bank. Nur dieses eine Boot hatte ich bisher mit einer Sitzecke auf dem Dach gesehen. Ich rannte fast, um das Boot von Nahem zu sehen, eine perplexe Manon im Schlepptau. Es hatte sich verändert, hatte Solarpanels auf dem Dach und weniger Grün. Doch es war die Oshun! Ich war perplex und ergriffen und einfach sprachlos. Zuvor hatte ich gedacht "das wäre zu schön, um wahr zu sein" - und doch war es wahr. Blieb zu sehen, wie Sam reagieren würde. Mit pochendem Herzen balancierte ich an der Bootswand entlang und klopfte an's Fenster. Sam kam zur Tür, öffnete. Und lächelte. Was für ein wundervolles und ehrliches Lächeln!

"Kommt rein!" (ohne zu fragen, was wir hier so plötzlich machten, mit unseren großen Rucksäcken aus dem Nichts aufgetaucht. Oder, wer meine Begleiterin  war). "Do you have some time?" An unseren Gesichtsausdrücken auf die Frage, ob wir genug Zeit zum Reinkommen hätten, las er in Sekundenschnelle, was los war. Und reagierte in dieser wunder,wundervollen Art, die ich an ihm so liebe. "Ah. Ihr seid Heimatlos. Willkommen zu Hause"

 

Jetzt ist es zwei Tage später. Ich bin auf dem Boot, mit Sam und Yaara und der kleinen Katze Minoushka, die erst nach meinem letzten Besuch eingezogen ist. Manon ist heute Morgen aufgebrochen und gut in Frankreich aufgebrochen. Ich fahre morgen nach Oxford. Und bin, für den Moment, einfach nur glücklich.

 

PS: Eine weitere wundervolle Erfahrung, gestern, beim Besichtigen der Stadt: eine ungewöhnliche Stadtführung im East End, mit Blick auf die Kleinigkeiten, die wir für gewöhnlich übersehen, die aber den Tag versüßen. Kann ich jedem in der Stadt empfehlen: Alternative Walking Tours. Und dann bezahlt man auch nur so viel, wie man kann. Damit jeder kann.

 

 

 

 

 

 

 

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