Von A nach B ... oder so

Lasst mich zusammenfassen: Ich bin gestern morgen um 7 Uhr aufgestanden, verschlafen aus dem Bett gekrochen, doch aufgequirlt durch die Erwartung auf die Aussicht, meinen Vater und Verena am Abend in Dublin zu treffen. Mitsamt der Erwartung, einen Tag im Truck zu verbringen, mit Liz hinterm Steuer, auf dem Weg zu sich nach Hause. Ich stolperte also halb die Treppen vom Dachgeschoß runter und werde im ersten Stock von einer Explosion empfangen. So sieht es zumindest aus, da Liz den gesamten ersten Stock auseinandergenommen hat (jetzt wird mir auch klar, warum ich so unruhig geschlafen habe - bei dem ganzen Gerumpel). Ihr Ziel: den Hausschlüssel für ihr Haus in Irland zu finden. Trotz nächtlichen Einsatzes ist ihr das nicht gelungen, wie sie mir eröffnet. Sie könne nicht nach Irland fahren (ehrlich gesagt wäre mir auch etwas mulmig, mich von jemandem fahren zu lassen, der die ganze Nacht nicht geschlafen hat). Sie schlägt mir vor, mich zum Acht-Uhr-Bus in's Dorf zu fahren, um nach Glasgow zu kommen. Von dort aus würde sicherlich regelmäßig ein Bus nach Belfast fahren, von wo ich einfach nach Dublin käme.

So weit zur Theorie. Mir bleibt gerade genug Zeit, mehrere Kekspackungen, Äpfel und einen 2-Liter-Tetrapack Saft in meinen zum Glück schon gepackten Rucksack zu werfen oder vielmehr zu stopfen, dann Sitze ich schon im Truck Richtung Dorf. Mir bleibt kaum Zeit, enttäuscht wegen der flachgefallenen Reise oder wütend auf Elizabeth zu sein, da sitze ich auch schon im Bus mit allen Schulkindern, die schön uniformiert in die nächste Stadt, Dunoon, fahren. Dort muss auch ich hin, um anschließend die Fähre zu nehmen und dann den Zug nach Glasgow. Ich werde am Hafen abgesetzt und komme gerade richtig für die nächste Fähre. Das Ticket, das die Zugfahrt beinhält, kaufe ich an Bord. Als wir die Halbinsel im Morgenlicht verlassen, fühle ich mich frei; nichts kann mir etwas anhaben. Ich genieße es, nur einen Plan für den jeweils nächsten Schritt zu haben, nicht zu denken, nur zu handeln.

Schließlich bin ich in Glasgow, laufe die 20 Minuten vom Bahnhof zur Busstation in unerbittlichem Regen, der die Schotten jedoch recht kalt lässt. Dort angekommen wird mir am Schalter eröffnet, dass der nächste Bus um vier Uhr nachmittags fährt und ich folglich um zwei Uhr morgens in Dublin ankäme. Na toll. So viel zu regelmäßigen Verbindungen (es ist 11 Uhr am Morgen). Sie empfiehlt mir, am Bahnhof nach Zugverbindungen zu fragen. Also noch mal zurücklaufen. Mein Optimismus schwindet dahin, während ich abermals die graue Stadt durchquere. Die Aussicht, mitten in der Nacht in der Stadt anzukommen oder aber ein kleines Vermögen für Zugtickets auszugeben, scheint nicht vielversprechend. Noch dazu verlaufe ich mich, während ich so über einer besseren Lösung brüte. Schließlich am Bahnhof angekommen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Der Angestellte ist hilfreicher als die Dame in der Busstation; zumindest bin ich zufriedener mit dem, was er mir sagt. Ja, es gibt eine Verbindung in einer Stunde, die mich nach Wales bringt und von dort aus mit der Fähre nach Dublin. Er druckt die Details aus und während er das Blatt über den Tresen reicht, mache ich mich insgeheim auf einen Preis um die hundert Pfund gefasst. Während ich mir  noch überlege, wie ich ihm höflich erklären kann, dass ich doch lieber den Bus nehme, sehe ich: £43. Die Fähre mit inbegriffen? Jep. Freudig Stimme ich zu, wohl wissend, dass mich allein die Überfahrt mit der Fähre sonst um die £30 gekostet hätte. Außerdem fahre ich durch Wales, juhu.

Den Rest des Tages verbringe ich also in Zügen, lasse vage vertraute Städtenamen an mir vorbeiziehen und komme am Abend in Holyhead an. Nach kurzem Aufenthalt beginnen wir die Überfahrt. Ich finde ein Sofa in einem abgelegen Flur und Strecke mich nach kurzem Zögern in meinem Schlafsack aus. Den Schlaf werde ich noch brauchen. Als ich wieder aufwachte spricht mich ein älterer Herr an, will mich auf einen Kaffee einladen. Ich sehe wohl aus, als hätte ich es nötig. "I thought you were Chinese" sagt er noch, lacht.

Um kurz vor Mitternacht bin ich in Dublin. So hatte ich mir das gedacht. Nicht bedacht hatte ich, wie groß das Hafengebiet tatsächlich ist. Busse fahren natürlich keine mehr. Nach einer halben Stunde habe ich endlich die Docks hinter mir gelassen und stehe etwas ratlos am Straßenrand, meinen Standort auf der Karte suchend. Da hält ein Krankenwagen neben mir an. Ich werde gefragt, ob ich Hilfe brauche. Die beiden Fahrer sehen mir an, dass ich neu in der Stadt bin. "Diese Gegend hier ist nicht besonders sicher, du solltest hier nicht weiterlaufen". Sie weisen mich also an, ins Innere des Wagens zu steigen und fahren mich zu meinem Hostel. Wieder einmal ein paar Menschen, die Freude daran haben, zu helfen. Ich freue mich immer, zu sehen, wie viele es davon überall

Ich bin beruhigt und krieche schnellstmöglich in mein Bett im 6er-Zimmer. Dass ich heute Morgen Kopfweh habe, wundert mich nicht. Irgendwie war es dann doch mitten in der Nacht.

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