In der Tablet-Virtualität

oder: wie ich der Technik anheimfalle

wer diesen Titel liest, könnte meinen, ich hätte einen kleinen Knacks  abbekommen, zu viel direkte Sonneneinstrahlung im kroatischen Sommer vielleicht? Ein bisschen gewundert, könnte man sagen, hat sich auch meine Familie angesichts der Tatsache, dass ich im Urlaub bei bestem Wetter und toller Natur um mich herum Stunden damit zugebracht habe, am Tablet meines Bruders herumzuwerkeln und was weiß ich nicht kennen zu lernen und zu nutzen. Nicht, dass ihr mich falsch versteht: die erhöhte Benutzung technischer Geräte ist nicht (immer) ein Zeichen psychischer Störung. Wer mich aber etwas näher kennt, dem wird allerdings schon der (Schein-)Widerspruch aufgefallen sein.

Für alle anderen hier eine kurze Übersicht:

a) Ich liebe Papier genau so wie das Schreiben auf Papier.

b) Ich kritzele gerne vor mich hin und kann meine Gedanken inzwischen kaum noch ohne ein Stück Papier auf die Reihe bekommen.

c) In mir ist eine gewisse Überzeugung tief verwurzelt, und zwar die, dass sich sämliche technischen Geräte gegen mich verschworen haben oder zumindest absichtlich gerade in meiner Benutzung meinen Erwartungen entgegenlaufen (was natürlich auch an meinen Erwartungen liegen kann - in Verbindung mit zu wenig Praxiswissen. Mein Verstand weiß das, meinem Gefühl ist's schnuppe).

d) Eine Mischung aus Nostalgie, Verklärung und ausgeprägter Bibliophilie (ehrlich, der Geruch von Buchleim und Papier...) versucht

 mir immer wieder klarzumachen, dass Entwicklungen vorwiegend negativ und gefährlich sind, vor allem solche, die gerade vor sich gehen.

 

So. Und so eine Person hat sich jetzt, nachdem sie zwei Wochen lang das Tablet ihres Bruders kaum noch aus den Fingern lassen wollte, auch so etwas zugelegt. Und das nicht nur, weil sie sowieso noch ein überzeugendes Kommunikationskonzept für ihre Reise vorlegen sollte. Nicht nur, weil es sein muss, in einer gewissen Weise (nicht das Tablet direkt, aber die Kommunikationsmöglichkeit schon). Sondern, weil es so viel mehr bietet.

 

Ein kleiner Blick in meine momentane Stimmungslage zeigt Schnappschüsse

von Euphorie, Neugier, Spaß am Probieren, kurz, sieht in etwa so aus wie die eines Kindes am Weihnachtsabend. Tausend neue Möglichkeiten, hopp-hopp, mitten hinein!

Wie passt das? Ganz einfach: Ich habe meine Bedenken nicht unterdrückt (von wo sich mich jetzt nämlich quälen würden und mir den Spaß verderben würden), sondern ausgepackt und diskutiert. Auch wenn ich etwas Probleme hatte, klar zu machen, dass es mir tatsächlich Sorgen bereitete, durch diesen Kauf an der Produktion von Elektromüll mitzuwirken, der in Afrika dann Leuten das Leben kosten könnte und noch dazu ganz allgemein ein auf übermäßigen Konsum ausgerichtetes Wirtschaftssystem unterstützt und gegen meine Behauptung läuft, man könne auch mit wenig bis gar kein Geld auskommen...Wie auch immer, ich kam zu dem Schluss, dass ich diesen Kauf angesichts seiner enormen Vorteile würde verantworten müssen. (Obwohl das ethisch nicht vollkommen durchgängig ist, wie mir gerade auffällt. Immerhin , wenn es mir um die Vermeidung von Schaden geht, sollten die negativen Folgen meiner Handlung schwerer wiegen als deren Vorteile im anderen Fall. Es entsteht ja kein Schaden, wenn ich euch aus dem Internet-Café schreibe. Naja).

 

Sagen wir, ich war begeistert von diesem Ding und hielt seine Anschaffung für sinnvoll, solange ich es in Ehren halten und vor allem viel benutzen würde.

Und was ich mit dieser unglaublichen Kombination aus Tablet und Mini-Bluetooth-Tastatur nicht alles tun kann! Berichte schreiben und surfen, natürlich, aber auch ganze Datenbanken mitnehmen. Ich sprach von meiner Bibliophilie. Es ist mir unvorstellbar, ohne Bücher zu reisen. Durch das Tablet spare ich etwa 2 bis 5kg an Literatur + Wörterbuch + Tagebuch. Mein Rücken sagt danke!

 

Jetzt habe ich aber genug geschwärmt. Eigentlich kann ich solche Leute, die begeistert ihre neuesten Errungenschaften anpreisen, nämlich gar nicht leiden. Verzeiht (ich verzeihe mir schon mal selbst, vorsorglich).

 

Ansonsten bin ich in Mannheim, mal wieder zur Durchreise. Was das angeht, war ich diesen Sommer echter Party-Hopper. Angefangen bei meinem eigenen Geburtstag war ich bei jedem meiner Aufenthalte (die eine Länge von 2-14 Tagen hatten) zu Gast bei einem runden Geburtstag in der Familie.

Auch heute war so einer und die Gelegenheit war wunderbar, um vor meiner Abreise die Familie noch mal versammelt zu sehen (sowieso ist das ziemliche Zeirtoptimierung in Sachen "Verwandte sehen").

Zum Glück bin ich nicht im Stress; dazu lässt mir der geschäftige Trubel in mir selbst auch gar keine Zeit.

Jetzt geht es nämlich darum, die in meinem Zimmer verstreuten Überbleibsel der letzten drei Jahre in eine neue Ordnung zu bringen. Um meine "Vergangenheit aufzuräumen" sozusagen, um frisch in die Zukunft zu starten. Und um nicht einen Kopf kürzer gemacht zu werden von einer Mutter, die nicht entzückt scheint von der Aussicht, ein Dreivierteljahr meine aufgestapelten Habseligkeiten und Dokumente vor der Nase zu haben.

Es wird aber auch mir sehr gut tun. Tut es schon. Ich habe gestern abend/nacht angefangen und heute morgen weitergemacht. Ja, es ist befreiend, Packen von Ballast abzuwerfen, freie Flächen zum Vorschein kommen zu lassen und sich klar zu werden, dass der Großteil des Kleiderschrankinhaltes schlicht überflüssig ist. Zu viel Besitz macht unfrei. Das kann ich voll unterschreiben.

 

Ab in die Freiheit!

 

PS: Aber hey, ganz ehrlich: Es ist klasse, dass ich so einen langen Artikel im Bett tippen konnte, mit nur 7 Zoll Bildschirm + Tastatur. Mit einer Touchscreen-Tastatur hätte ich allerdings schon von einer ganzen Weile aufgegeben.

PPS: Erwähnen muss ich jetzt aber doch noch mal, dass ich ohne den unermüdlichen Einsatz meines lieben Bruders auf keinen Fall da wäre, wo ich jetzt bin. Ich würde vermutlich gerade so mit den Grundfunktionen des Geräts klarkommen ("intuitive Benutzeroberfläche"...) Allerdings wäre ich nur auf ein Drittel der Anwendungen, die ich jetzt nutze, selbst gekommen. Außerdem wäre meine Stimmung bedeutend schlechter, weil ich vermutlich versucht hätte, dem Gerät durch Telepathie meinen Willen mitzuteilen, was stark an c) von oben erinnert. Danke für die Hilfe!

(Und das Erdulden des alltäglichen "Darf ich mal...?" im Urlaub)

 

 

 

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0