Gemini

Ich fühle mich gelähmt und tatendurstig, langsam und schnell. Mein Körper will nicht, will nichts außer Nichtstun und sich vermehren, indem er sich unnötige Kalorien zufügt. Mein Kopf dagegen ist unzufrieden, will etwas ändern, weiß um die Sachen, die noch getan werden können und sollten. Der Reiter auf dem Elefant, laut Hirschhausen. Der Elefant ist der Körper, schwerfällig und unmotiviert; der Kopf schreit dagegen an und wird wie eine lästige Mücke behandelt. Zum Glück gibt es den Computer. Oder auch nur Stift und Papier. Das ist der einfachste Weg, dem Körper ein Schnippchen zu schlagen; den Geist arbeiten lassen und strömen, während der Körper dümpeln kann, wie er will. Auf lange Sicht reicht mir das heute schon nicht, aber ich versuche meine Gedanken wieder zu finden (das ist ein tückisches Ding, diese Faulheit, denn sie bewirkt, dass du die Dinge, die du gerne tun würdest, aus den Augen verlierst). Mein Block weiß es leider auch nicht. Er ist der Part, der normalerweise ein paar Gedanken bewahrt, aber nein, er hat keine Idee, nichts war ihm konkret genug. Das ist ein Zeichen, eine Herausforderung: Es soll an mir liegen. Das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen fängt bei solchen klebrigen, lauwarmen Samstagabenden an, die dich ratlos zurücklassen und aus dem roten Faden deiner Selbstbestimmung faserige Zuckerwatte machen. Ich fühle mich nicht schlecht, immerhin. Es brauchte ein wenig Zeit, das zu erkennen, ich weiß nicht, wie andere da so sicher sein können. Ich muss mich immer selbst fragen, überlegen. Auf die Frage "tut das weh?" denke ich auch immer erst zumindest einen kurzen Moment nach. Jedenfalls habe ich jetzt erkannt, dass es mir nicht schlecht geht. Das ist deutscher Optimismus. Nicht schlecht ist das höchste anzustrebende Gefühl. Nein, quatsch. Ich weiß nur noch nicht, ob es mir gut geht. Aber nicht schlecht ist jetzt vorerst auch mal in Ordnung.

-Ich weiß es wirklich nicht. Es ist schwierig, zu wissen, wie man sich fühlt, bevor man darüber nachgedacht hat, wie man sich zu fühlen hat. Und ob man überhaupt zu fühlen hat. An einem Abend wie solchen, zugeschlammt von der Schwere der Glieder, wird über kurz oder lang auch das Hirn betäubt. Das Denken, Fühlen. Ich weiß, ich bin ein Sommerkind, aber bei 34°C um kurz vor zehn und vor allem der stickigen Luft in meinem Zimmer kapituliert mein ermüdeter und verdauender Körper.

 

http://www.youtube.com/watch?v=rnVGJhs7UN0

 

Daran muss ich denken. Und die Idee empfinde ich als äußerst anziehend. Ich will, muss etwas tun. Der Gedanke, so bald zu gehen und nicht jede Sekunde meinen Freunden* nahe zu sein, macht mich ganz verrückt. Und dass ich einigen vielleicht hier nahe bin, ist kein gar zu großer Trost, denn das kann ich auch in Frankreich tun. Irgendetwas muss ich finden...

 

Schon wieder ein Lied in meinem Kopf.

Wollt ihr es hören? Seid ich gestern unter dem Sternenhimmel sans étoiles (ohne Sterne) eingeschlafen bin, mit diesem Lied, begleitet es mich. Und davor auch. Also, wenn ihr wollt, dann könnt ihr das tun. Die Aufnahme mag ich auch, weil sie so herrlich ... pur ist. Im Gegensatz zu Alledem, was wir heute an elektronisch "aufgewerteter" Musik vorgesetzt bekommen.

 

http://www.youtube.com/watch?v=eZGWQauQOAQ

 

Ich weiß, ich wollte gehen, etwas unternehmen, aber ich habe noch so viele Sachen, die ich davor erzählen möchte.

 

Dass ich mein Musikprogramm überfordere, weil ich mich nicht entscheiden kann, ist es nicht, aber das ist eine Überbrückung dahin. Egal, ich höre jetzt ein anderes Lied, auch Simon & Garfunkel. ("The Sun Is Burning" - wie schaffen sie es, so zu passen??)

 

Heute haben wir einen Ausflug in die Pfalz gemacht, trotz der Hitze und das war gut, denn ich fand sie gar nicht so schlimm und wir waren ihr sowieso nicht so richtig ausgesetzt, was man daran merkt, dass ich nicht mal Sonnenbrand habe, obwohl ich vergessen hatte, mich einzucremen.

Der magischste Moment war einer am Isenachweiher bei Bad Dürkheim; Mama, Robin, Clem und ich hatten eine Paddeltour gemacht, während Oma und Opa im Restaurant etwas tranken. Mir wurde ein bisschen schlecht, als Clémentine und Robin zusammen ruderten, weil sie nicht so ganz einheitlich waren, und ich ließ mich am Ufer absetzen. Und ich saß auf einem gefallenen Baumstamm im Schatten der Bäume und sah, wie sich das Leben um mich immer mehr zu regen begann. Plötzlich waren da Tiere, Fliegen, Schmetterlinge, Eidechsen, Hornissen, im Wasser große Fische und alle waren in Gold getaucht und ich fühlte mich so ... passend. Ich liebe die Natur. Für mich als geborenes Stadtkind ist das nicht sehr logisch, oder einfach, aber ich finde, dass ich viel zu wenig draußen bin. Ich weiß, ich lebe nicht direkt in der Stadt und hier ist es schon grün, aber das ist nicht wirklich Natur für mich, weil es angelegt ist. Es ist von Menschen gemacht und das erscheint wie ein Gegensatz zum Begriff Natur. Naja, besser als nichts (dieser Weiher war ja auch nicht so natürlich, aber ich spürte die Anwesenheit der Menschen nicht so). In richtiger Natur kann ich eigentlich nie alleine sein. Weil die so weit weg ist, dass ich da alleine nicht hinkomme. Da spielt vielleicht auch meine Trägheit mit, ich weiß es nicht. Jedenfalld ließ ich mir von Clémentine versichern, dass es in etwa einem Kilometer Entfernung von ihr ein kleines Wäldchen gibt, das ist gut, die Vorstellung von so endloser Freifläche hat auf die Dauer eine irgendwie bedrohliche Seite...

Ich habe es geschafft, jetzt die Zeit doch irgendwie zu überbrücken ohne so richtig was zu machen - ist das jetzt gut? oder nicht? Ich bin positiv eingestellt, also ist es gut.

Die Nacht hat sich über unsere Straße gelegt und flüstert von unsichtbaren Sternen, die nie schlafen und von kühlzartwarmer Liebkosung auf glänzender Haut, von Aufatmen und Loslassen. Die Grillen zirpen erwachend, während die Menschen sich wünschten, sie könnten dieses erwachende Wachbleiben hinauszögern bis zum Morgen, wo sie sich wieder törichterweise mit der Gluthitze des Tages anlegen wollen... Alles geht seinen Gang und meine Haut wird von Schauern überzogen, obwohl es immer noch 34°C hat. Ein Feuerwerk knallt, signalisiert, dass es Zeit ist, aufzuhören, lässt die Grillen kurz verstummen und macht doch alle so wach wie ein augenreibendes Kind. Ich spüre die Müdigkeit und jetzt heiße ich sie willkommen, lasse sie mich umarmen und einwickeln wie von einer Großmutter, die es so gut meint, dass sie ihrem Enkel zu unzählige Decken umlegt. Jetzt wo Dunkelheit hinter meine Lider kriecht, fühlt es sich richtig an und doch will ich nicht einfach so zurückkriechen. Auch will ich nicht auf meine Liege auf dem Balkon zurückkehren. Ich will das Gras unter mir spüren, an meinen Füßen, will die Ameisen über mich laufen lassen und statt mich über sie zu ärgern, will ich auch sie annehmen und anerkennen, dass sie die ersten sind, die mich angenommen haben. Ich will fahl leuchtendes Mondlicht auf meiner Nasenspitze und den Wangen spüren und es wird so freundlich sein, mich nicht verbrennen und wenn ich schon hier bleibe und die Sterne nicht sehen kann, so werde ich doch träumen und von tausenden funkelnden Glitzersplittern durch die liebliche Nacht fliegen...

 

 

[...]

Traum ist Brokat, der von dir niederfließt

Traum ist ein Baum, ein Glanz der geht, ein Laut

Ein Fühlen, das in die beginnt und schließt

Ein Tier, das dir ins Auge schaut

Ist Traum;Ein Engel welcher dich genießt

Ist Traum; Traum ist das Wort das sanften Falles

In dein Gefühl fällt wie ein Blütenblatt,

Das dir im Haar bleibt, licht, verwirrt und matt; -

[...]

 

 

Und wenn es Nacht wird,

Wasfür große Sterne müssen sich dann in diesen Fenstern spiegeln...

 

Ich liebe dieses Gedicht so. Diejenigen, die mich kennen, müssen wissen, dass es Rilke ist, das Gedicht, er ist, der mich verzückt, nicht, er, doch sein Werk. Und dieser poème ist derjenige, der mich zu ihm geführt hat. Wasfür ein rosenumkränzter Weg! Wenn ihr nicht mich ertragen müsstet, wie ich mir seinen Stil immer mehr zum Vorbild nehme (außer ihr mögt großen literarischen Pathos), würdet ihr das auch sehen. Ich kann euch nicht übelnehmen, dass sich diese Sache nur in meinem Kopf abspielt, denn das macht sie aus, diese innerliche Freude. Mit jemand anderem geteilt, wenn dieser nicht ganz nachempfindet, könnte sie sogar zugrunde gehen. Ich bin festgeschrieben. Ich will weiter und doch nicht. Der Teil in mir, der das eben geschrieben hat, der Teil, der das empfindet, diese Stille, die durch Worte laut wird, könnte sich ewig eingraben und alleine nicht einsam werden. Der andere wird sich morgen wieder in die Gluthitze stürzen und gegebenenfalls diesen hier verfluchen, weil er für zu wenig Schlaf gesorgt hat. Und das hier ist der Punkt, zu enden. Bis eben wusste ich das nicht, doch eine kurze Pause hat es mir geradezu schicksalhaft vor Augen geführt. Denn der Kreis hat sich geschlossen, obwohl ich gar kein Ziel vor Augen hatte, obwohl ich geglaubt hatte, dass der rote Faden sich zu Zuckerwatte verklebt hatte. Wieso ich das denke? Ich habe meine Überschrift gelesen. Und gesehen, dass ich an der Stelle bin, wo ich angefangen habe. Äußerlich. Aber innerlich ein Stück weiter.

 

Ich war wieder bei den gemini in mir, den gegensätzlichen Zwillingen in mir, bei den Teilen die mich bevölkern - und es waren die gleichen wie vorhin. Träge, quirlig, jetzt still und morgen hitzig. Wie seltsam. Aber das Zeichen ist eindeutig.

 

Der Himmel ist endgültig dunkel und man kann nur mit Mühe die Silhouetten der Bäume erkennen. Autohupen, mottenbesetzte Straßenlaternen, Signale der Zivilisation an mich. Und ich verschließe meine Augen und fühle die grenzenlose Freiheit, die immer noch in meinem Kopf herrscht, jetzt befreit von irdischen Gewichten und schwerfälligen Körpern. Ich wünsche euch einen ebenso schönen traumerfüllten Schlaf wie ich ihn mir erhoffe.

 

Mögen eure Füße immer wandern leichten Schrittes über die Steine dieser Erde und mögen eure Augen rein bleiben und klar und ein Fenster eurer Seele sein und möge die Musik euch nie verlassen.

 

 

____________________

 

* natürlich seid normalerweise ihr damit gemeint, die ihr das gerade lest, aber es ist schwierig, mit jemandem zu reden, der so unbestimmt ist (weil ich ja mehrere von euch vor mir habe), deswegen rede ich einfach so, wie ich mit mir rede oder mit der Wand oder so, wie ich das ja sonst immer mache ;)...

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Kommentare: 4
  • #1

    Die Überforderte, die lange schon nicht mehr da war (Sonntag, 11 Juli 2010 08:13)

    Wahh, das ist eindeutig zu viel zu lesen für jetzt (hab noch 4 min ungefähr). Also Lösung gesucht und gefunden :)

    Aber Recht so, dass du die Wise Guys in deinem Block "verewigst" ;)

    VIele Grüße
    CHarly

  • #2

    Constanta (die Dagebliebene) (Sonntag, 11 Juli 2010 21:17)

    Recht so, dass du wieder vorbeischaust!!

    Deine Überforderung sei dir Strafe dafür; aber in einem einsamen Moment wirst du wieder an mich denken und alles nachlesen.

    bis morgen... :):)

  • #3

    Die, die nicht weiß, ob sie den Abschied jetzt positiv oder negativ aufzufassen ist (Dienstag, 03 August 2010 20:45)

    Du Keks
    Egal,...
    Ich finde, du könntest mal deine emails lesen und auch beamtworten. Denn ich würde mich wirklich gerne noch mit euch treffen, bevor ihr geht.
    Ich vermisse euch jetzt schon. Wahhhh die Schule wird hart werden....
    Die-die-jetzt-schon-wieder-an-die-trübe-Zukunft-denkt

  • #4

    Sry (Dienstag, 03 August 2010 20:47)

    Ich meinte natürlich

    "ob sie den Abschied jetzt positiv oder negativ auffassen soll"

    Ich kleiner gemeiner Fehlerteufel :)