Du stop non-stop*: Hallo aus Strasbourg

*Per Anhalter ohne anzuhalten...

Als ich meinen letzten Artikel online stellte, wusste ich noch nicht, was die nächsten Tage bringen würden, weswegen ich lieber ohne Ankündigungen probierte. Was ich am nächsten Morgen unternahm, war letztendlich nicht weniger als die gewagteste und anstrengendste Reise, die ich je unternahm. Und doch bin ich jetzt, nach einer gut durchgeschlafenen Nacht, in Sicherheit und Gemütlichkeit mit meiner Freundin Manon in der Bibliothek von Strasbourg. Was in der Zwischenzeit passiert ist, war nicht weniger als ein Hochleistung-Tramping-Trip: fast 2500km ohne Plan und ohne Obdach, 57 Stunden unterwegs.

Ich begann also in Chefchaouen auf einer viel zu ruhigen Strasse und wartete. Gegen Mittag erreichte ich den Hafen von Tanger, von wo die Fähren nach Spanien gehen.

 

Herausforderung 1: Eine Fähre ertrampen. Autos, die an der Fähre ein Ticket kaufen, können zusätzliche Passagiere kostenlos mitnehmen. Leider sprach wirklich jeder nur Spanisch und so waren alle sehr misstrauisch über meine Ausführungen. Bloss ein Angestellter kam aus Casablanca und konnte deswegen Französisch - und bot mir seine Hilfe an (habe ich schon einmal gesagt, dass ich die marokkanische Mentalität liebe?). Er fand zwar niemanden, der in Frage käme, aber etwa eine Stunde nach meiner Ankunft am Hafen, sagte er, ich solle zu einem der Manager sprechen, der gerade vorbeikam. Ich erklärte ihm meine Situation und er sagte, ich solle einfach ein Ausreisepapier ausfüllen und durch die Polizeikontrolle gehen, um meinen Pass stempeln zu lassen. Das tat ich, mit zittrigen Knien - einerseits war ich froh über all die Hilfe, aber andererseits konnte ich mein Glück noch nicht so ganz fassen. Und natürlich wurde ich am Eingang des Schiffs nach einem Ticket gefragt, was ich nicht hatte. Ich wurde beiseitegenommen, bis der eigentliche Manager, ein Typ in Anzug, Sonnenbrille und falschem Lächeln ankam. Noch einmal erklärte ich. Der Kapitän des Schiffes kam. Noch einmal. Es folgte ein Moment des sehr unangenehmen Herumstehens, an dem niemand so recht wusste, was er mit mir machen sollte - aber da mein Pass schon den Ausreisestempel trug, konnte man mich wohl nicht einfach so gehen lassen. Irgendwann sagte der Kapitän schlicht "follow me" und brachte mich ins Innere des Schiffes. Statt einer gruseligen Zelle oder vielleicht sogar der Schaltzentrale liess er mich im Passagierbereich stehen. Ich hatte es tatsächlich auf ein Schiff geschafft, ohne dafür zu bezahlen - also quasi im wahrsten Sinne des Wortes ein Schiff getrampt! Ich setzte mich auf einen der Sessel und verhielt mich ganz mucksmäuschenstill, bis man Spanien sehen konnte.

Ankunft in Spanien. Als wir anlegten, fragte ich unter den Autofahrern nach Mitfahrgelegenheiten. Darunter eine junge Frau in einem grossen Auto, die sich bereit erklärte, nach dem Zoll auf mich zu warten und mich für die nächsten 770km zu fahren. Das war eine der besten Fahrten, die ich je hatte - ich lernte viel von ihrem Leben, dass sie als in Marokko aufgewachsene Spanierin hatte, und am Abend lud sie mich zum Essen in einem rustikalen Grill-Restaurant ein. Sie setzte mich an einer Autostation ab, und da es schon Nacht war, wartete sie, bis ich einen neuen Fahrer gefunden hatte - und ausgerechnet zwei Marokkaner brachten mich schliesslich durch die Nacht, bis nach Terragona.

 

Herausforderung 2: Durch Spanien kommen. Ich verstand schnell, woher das schlechte Ansehen von Spaniern bei Trampern kommt. Zum Glück leben Auch Australier dort und Grossfamilien aus Schweiz/Sri Lanka, die gerade aus dem Urlaub kommen. Jedenfalls musste ich mich ein bisschen der phänomenal kurzen Wartezeiten in Marokko entwöhnen und begann, auf einem Gedanken herumzukauen: was, wenn mehr Geld mehr Angst bedeutet, und damit weniger Vertrauen in Fremde?

Nach einem Kräftezehrenden Stopp an einem Strand in Barcelona (von wo niemand nach Frankreich wollte), kam ich am späten Nachmittag in Perpignan an, mit den ersten Anzeichen einer nagenden Erschöpfung. Ich machte Pause mit Schokopudding und Zwieback aus Barcelona und überlegte, dass bald etwas Gutes passieren müsste, weil das immer so in schwierigen Momenten ist - solange man nur etwas Geduld hat. Das Gute hier waren zwei herzlich lachende Frauen, die meinen Geschmack für Musik und Sprachen teilten (eine Übersetzerin, die andere Spanischlehrerin), und mir bei Ankunft in Montpellier eine Packung Kokoskekse schenkten - was sich in der Nacht als echter Schatz erweisen sollte. Ein supercooler französischer LKW-Fahrer (endlich war Ostern vorbei und es gab ein paar Lastwagen auf der Strasse) nahm mich nach Lyon und liess mich auf seiner Kabinenpritsche schlafen, als er Pause machte - und so fest schlief ich, dass er mich bei der Fahrt danach nicht aufweckte. Irgendwann aber musste ich aus dem Tiefschlaf in die Kälte der Nacht. Ich fand jedoch gleich einen Fahrer aus Senegal, der mich immerhin ein bisschen mitnehmen konnte. Als er mich an einem Autobahnrestaurant mit Tankstelle absetzte, war es kurz nach zwei. Eine sehr schlechte Zeit.

 

Herausforderung 3: Die Nacht überstehen. Mir war kalt und ich war schon zwei Tage unterwegs, ohne allzu viel zu schlafen. Die Tankstelle war fast leer, und die Leute entweder extrem misstrauisch oder sehr unfreundlich. Die meiste Zeit aber gab es keine Leute, also nicht mal potenzielle Gelegenheiten, wegzukommen - dabei war ich so nah an Lyon, also Clémentines Wohnort, dass ich einen Bus hätte nehmen können, hätte es denn einen gegeben. Gegen drei fragte ich den Herrn, der das Café bediente (übrigens wieder ein Senegalese), ob ich mich setzen könnte - sonst war ja sowieso niemand da. Er sagte nicht nur ja, sondern spendierte mir auch eine heisse Schokolade und liess mich schliefen, bis um 6 Uhr sein Boss ankam. Danach sass ich noch eine Weile in der Wärme und probierte es dann wieder draussen. Obwohl es langsam hell wurde, war nicht viel mehr los und niemand konnte (oder wollte) mir helfen. Ein junger Holzarbeiter auf dem Weg zur Arbeit hatte Mitleid, konnte mir aber nicht helfen, weil er einen Firmenwagen fuhr. Der nächste Fahrer sagte auch nein, also schlurfte ich mal wieder zur anderen Seite des Areals, um nach neuen LKW Ausschau zu halten. Inzwischen tat auch noch mein Fuss weh, und mein Kopf bestimmt auch. Das war gegen 7:20, und das war ziemlich genau der Moment, wo ich nicht mehr konnte. Leise liefen mir auf dem leeren Parkplatz die Tränen herunter, weil ich sowieso nicht mehr viel sonst tun konnte. Da hörte ich ein Auto hinter mir, und das wunderbare Geräusch eines langsamer werdenden Motors. Es war der Holzfäller. Und da begann der Tag von Neuem, mit einem frischen Glauben an die Menschheit und dem Fliessen eines Herzens nach einer Periode der Enttäuschung. Und wie so oft schien es mein erneutes Strahlen einfacher zu machen, Zutrauen zu fassen und anzuhalten.

 

Herausforderung 4: Verirrungen. Ich war nun "nur noch" 460km von meinem Ziel entfernt und zuversichtlich, es bald zu erreichen. Stattdessen ging ich auf eine eher unfreiwillige Tour durch Weltstädte wie Beaune und Dole und musste auf die Landstrasse ausweichen, weil ich nicht an die Autobahn herankam. So schlimm war das aber nicht - ein Fahrer, der gebürtig aus Algerien war, gab mir Cappucino und Schokocroissant gleich bevor ich Zeuge eines unglaublichen Zufalls wurde. Ich stand an einer Mautstelle und jemand hielt an, weil ich, wie er später sagte, eine positive und vielversprechende Ausstrahlung gehabt hätte. Er war Polizist und fing natürlich mit dem Sermon an, den ich oft zu hören bekomme, warum ich mich solch einer Gefahr aussetze und so weiter, wo ich ja noch nicht mal ein Mann sei. Natürlich hatte er als Polizist eher die schlechten Seiten von Menschen vor Augen und er stimmte ein in den Chorus der Sorge, den ich vor allem in Frankreich zu hören bekam. "Gerade heute, mit all den Attentaten..." Erstaunlich war, dass ich ihn überzeugen konnte, die Sache von einer anderen Seite zu sehen: je mehr wir Angst haben und deswegen nicht auf andere zugehen und unserem Nächsten helfen, desto unsicherer wird der Öffentliche Raum, weil sich Menschen in schwierigen Situationen nicht mehr auf die Hilfe von Anderen verlassen können. Und dann erzählte ich, dass ich gerade aus Marokko kam und in der dortigen Kultur einen erstaunlichen Zusammenhalt beobachtet hatte. Und hier begann es, wirklich unglaublich zu werden! Seine Augen leuchteten auf und sprudelnd erzählte er, dass er in genau dieser Minute auf dem Weg zum Flughafen sei, von wo aus er nach Marokko, seinem Geburtsland, in dem er seit 15 Jahren nicht gewesen war, fliegen würde. Ich freute mich wie bei der Rückkehr eines lange vermissten Verwandten und bat ihn, Fes von mir zu grüssen, dort, wo ich doch erst wenige Tage vorher gewesen war.

Irgendwann erreichte ich das Elsass mit einem Fahrer, der gerade gescheiden war und der mir allzu ausführlich von seinem Liebesleben erzählte. Noch dazu hielt er bei einer seiner Exfreundinnen an, um Sachen abzuholen, und sie sah in mir gleich ihre "Nachfolgerin".

Es wurde langsam Nachmittag, obwohl ich schon gegen Morgen hätte in Strasbourg sein wollen. Stattdessen lernte ich einige Dörfer kennen und beobachtete viele Omis, die an mir vorbeifuhren. Ich erreichte Colmar und wartete wieder eine ganze Stunde. Schliesslich brachte mich jemand auf die Autobahn, wo mich in Sekundenschnelle ein italienischer Tanzlehrer mitnahm und endlich, endlich nach Strasbourg brachte. Um halb sieben am Abend fiel ich also meiner Freundin in die Arme und genoss in ihrer Unterkunft eine heisse Dusche, ein warmes Abendessen und einen kuscheligen Schlaf.

 

Diese Geschichte klingt jetzt schon, nach einer Nacht und in sauberen Leihklamotten, ziemlich unglaublich. Bleibt abzuwarten, was alle diese Begebenheiten letztendlich bedeuten - mehr als den Kick des Abenteuers haben mir die gesamten letzten zwei Wochen viele Gedankenanstösse und Lebenslektionen gegeben, die sich jetzt langsam entfalten werden. Und bald komme ich heim.

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Marokko 6: Fes, Chefchaouen und Tschüss

Gestern beim Trampen stieß ich auf meine erste kleine Pechsträhne. Fes verlassen war lächerlich einfach, und ich gelangte schnell in eine Kleinstadt vor Ouezzane. Der Ort war etwas skurril: breite und saubere Boulevards, gesäumt von Grill-Ständen, die für Cafes Spieße zubereiteten. Da ich Hunger hatte, setzte ich mich in ein Café und fragte nach Essen. Leider sprach niemand Französisch. Also begann ein Spiel, bei dem der Kellner mir alle möglichen Dinge vorsetzte und "C'est d'accord?" fragte. Ich bekam Wasser, Tee, Tomatensalat, Brot, Pommes und eine Suppe, auf die ich am Plakat gedeutet hatte. Auf ihr schwamm eine dicke Schicht Olivenöl, die mir Übelkeit bereitete - aber immerhin war ich danach satt.


Am Ortsausgang stand ich. Und stand. Nicht so lange wie in Europa manchmal, aber sehr ungewöhnlich für Marokko. Schließlich hielt ein Auto, das schon ziemlich voll war. Die drei Passagiere hinten rückten zusammen, wofür ich mich überschwänglich bedankte. Nach einer Weile fiel mir auf, dass die Atmosphäre im Wagen gar nicht so herzlich war wie vermutet. Vor allem schwiegen sich die Insassen an. Ich schaute mich etwas genauer um, und entdeckte auf der Heckscheibe einen ganz kleinen Aufkleber. "Taxi" stand drauf. So ein Mist! In Ouezzane bezahlte ich also Lehrgeld und versuchte, weiter zu trampen. Wieder verständnislose Blicke - fast wie in Europa! 

Da kam ein quietschgelber Oldtimer mit französischem Nummernschild vorbei und hielt an einem Café. Sogleich stellte ich mich daneben und fragte den jungen Mann mit Sonnenbrille, als er wieder herauskam. Pechsträhne Ende.

Er war gar nicht Franzose, sondern aus Casablanca, war aber Part der quasi-internationalen Jugend: französische Schule, amerikanische Highschool, Studium in Paris. Vermutlich in den "oberen" drei Prozent hier, aber für mich gut verständlich, also sehr nah an meiner eigenen Prägung dran. Wir hatten angenehme 150km zusammen und einen Tee bei Ankunft in Chefchaouen.

Dann traf ich meine Gastgeberin, Habiba, die alleine lebt und hier arbeitet. Trotz ihrer Eigenständigkeit kann sie sich ihrer Umgebung nicht entziehen, und zum Beispiel nur weibliche Gäste aufnehmen.

Heute war ich in der Stadt und den Bergen außen rum unterwegs, um mal wieder eine komplett andere Seite des Landes zu entdecken. Die Plätze sehen aus wie in einer italienischen Bergstadt, und die Häuser sind so himmelblau getüncht, dass der Himmel fast grau aussieht. Plötzlich spricht man nicht mehr Französisch, sondern Spanisch, und spanische Touristen tummeln sich auch in den engen Straßen. Ich habe einen Italiener getroffen, der schon seit anderthalb Monaten im Land ist; zusammen waren wir wandern. Jetzt sind wir auf einem Turm an der Außenmauer der Stadt, mit Blick auf das palmengefüllte Schloss, und während er eine Tüte raucht und mit einem Einheimischen quatscht, schreibe ich. Hier, das Rif-Gebirge, ist eine der größten Anbauflächen der Welt, und der "kif" ist die Ware, die im Export ganz oben steht (vor Oliven und Dosenfisch). Inoffiziell, natürlich.


Danach ist uns ein Spanier begegnet, der akrobatisch begabt war, und so verbrachten wir den Abend auf einem kleinen Platz und bastelten Jonglierstäbe mit kleinen Jungs.


Und dann tauchte mein Bruder in der Stadt auf! Eine kurze, süße Wiedervereinigung. :-)


Ab morgen wird vom mir eine kleine Funkstille herrschen, und möglicherweise ist dies mein letzter Eintrag aus dem Land. Bis bald!

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Marokko 5: Wirbelwind, und andere Stürme

Die letzten zwei Tage waren so, so, so, so voll von Erlebnissen. Von all den lustigen Tramp-Begegnungen und komischen Zufällen. Gelernt habe ich vom loi de l'attraction: Gutes zieht Gutes an und Schlechtes wird von Schlechtem angezogen. Und einer anderen Anziehung, und zwar der von mir zu Schneestürmen.


Von Anfang also, genau, da war ich in der Wüste. Das Trampen ging ziemlich gut,  solange ich meine Augen vor der Sonne schützen konnte - interessant war, als mir Gendarmen an einer Verkehrskontrolle halfen, indem sie mich ins nächste Auto setzten, das schon zwei Mate-schlürfende Touristen aus Uruguay fasste.

Die knapp 200km nach Errachidia waren demnach ein gelungener Test. In der mittelgroßen, nicht-touristischen Stadt, wurde ich von Fatima und ihrer Familie beherbergt. Sie ist zwei Jahre älter als ich und Krankenschwester in Ausbildung. Die Zeit in ihrem Haus war einfach unglaublich. Nicht nur wurde ich unheimlich verwöhnt mit bestem marokkanischen Essen, auch waren ihre Mutter und zwei Schwestern so herzlich, dass ich nach der einen Nacht das Gefühl hatte, ich wäre ewig dort gewesen. Außerdem sah ich die Frauen hier ganz natürlich, in Schlafanzug und ohne Kopftuch, und gar nicht so prüde wie ich dachte - das war aber nur möglich, weil ich als Frau selber keine "Bedrohung" darstelle, also zumindest niemandes Ehre gefährden kann. Das Kopftuch selber schien eher wie ein Mode- oder Kulturstück, also etwas, das man halt anzieht, um ordentlich 

aus dem Haus zu gehen. So, wie man bei uns früher auch Anzug o.ä. trug, um sich sehen zu lassen. Ihr kennt ja schon meine Meinung aus dem Istanbul-Blog: ich finde es etwas scheinheilig, das Kopftuch als einen schlimmen Zwang darzustellen, wo bei uns das Aussehen ja auch mit mehr oder weniger zwanghaften Regeln verbunden ist, nur dass diese anders lauten.

Beim Abendessen, das die ganze Familie um eine riesen Platte Couscous einnahm, wurde mir dann gesagt: "Nein, du kannst noch nicht gehen, marokkanische Gastfreundlichkeit gilt für mindestens drei Nächte" und wurde eingeladen, beim nächsten Mal doch einfach meine Familie mitzubringen. Eines der schönsten Geschenke war der arabische Name, den ich bekommen habe: Malek, was "Engel" bedeutet. Und dann, als Fatimas Mutter zum Abschied sagte, ich sei nun wie eine Tochter für sie...


Nächster Tag: Power-Tramp von Errachidia nach Fes 

Bemerkung vorab: ich weiß genau, dass niemand Zuhause mag, wenn ich alleine so nach Gutdünken und in fremden Autos unterwegs bin, und auch wenn sich das Trampen hier nicht allzu sehr von dem in Europa unterscheidet, ist Marokko natürlich gefühlt viel weiter weg. Eine spezifische Herausforderung, die ich gestern überwinden musste? Die Tatsache, dass mich fast alle FahrerInnen zu sich nach Hause einluden ("du kannst ja morgen noch nach Fes, bleib doch heute hier bei meiner Familie! ").

Eine andere Herausforderung: das Gebirge mitten auf dem Weg. Mir kam dazu der schöne Begriff " Topographische Naivität " in den Sinn, so nach dem Motto: in Marokko kann das Wetter ja nicht so schlimm sein, gell?

Kurz gesagt, irgendwann stand ich an einer Straße am Fuß des Gebirges und hinter mir fing der Schnee an. Kaum Autos zu sehen. Bald kam ein Herr und stellte sich zu mir, um in überraschend akzentfreiem Französisch zu erklären, dass die meisten lieber zu Hause blieben, weil die Meldung kursierte, die Straße sei blockiert. Es brauchte nicht viel um mich davon zu überzeugen, mit ihm den Bus zu nehmen, der mich bis an die andere Seite bringen würde. Besagter Bus kam auch gleich und so hatte ich eine Fahrt durch eine strahlend weiße Winterwelt an Seiten dieses faszinierenden (ich sage es schon wieder!) Menschen. Er war studierter Physiker, der dann aber aus Mangel an Arbeit in seinem Bereich lieber einen Laden aufgemacht hatte, statt nach Europa auszuwandern, und sich jetzt vor allem der Malerei widmet. Unser Gespräch kreiste auch viel um Philosophie und Religion, endlich bekam ich meinen ersehnten Gedankenaustausch, wenn auch in einer unwahrscheinlichen Umgebung. Ich erfuhr von den schrecklichen Dingen, die am Morgen in Brüssel passiert waren und wir teilten das Bedauern, dass solche Angriffe das Leben für so viele Muslime schwer machen wird.

Auch er gab mir einen schönen Gedanken mit: Sie werden mal eine sehr gute Philosophin sein, weil Sie lieber zuhören, als immer Ihre eigene Meinung kundzutun. Noch dazu beglückwünschte er mich zu meinem Mut, die Dinge positiv anzugehen und mich nicht von Vorurteilen vom Reisen in ein arabisches Land fernhalten zu lassen.


Als der Bus in Azrou hielt, stieg ich aus und musste der schwersten Etappe des Tages ins Auge sehen. Zu der Zeit war es schon Nachmittag und ich hatte außer einem Stück Brot, und ein paar Oliven und Nüssen nichts gegessen. Um zu der Straße nach Fes zu kommen, musste ich den Ort, in dem noch Schnee lag, bergaufwärts durchqueren. Dass ich nur meine Frühlingsklamotten anhatte, war gar nicht so schlimm, aber meine Füße! Ich habe ja nur meine ganz dünnen Schuhe dabei, natürlich ohne die Winter-Sohle, und so fühlte es sich trotz zwei Paar Socken fast so an, als würde ich direkt auf dem Asphalt laufen. Dieser Kilometer bis zur Straße konfrontierte mich mit all den negativen Gedanken; ich sah mich ewig an der Straße stehen und langsam von unten nach oben einfrieren, oder entkräftet in einem Haus nach Minztee fragen. Zum Glück hatte ich noch eine Tüte voll Datteln, und tatsächlich half es, die süße und zähe Masse zu kauen, um mir vorzustellen, von innen heraus wieder warm zu werden. 

Und als ich dann am Kreisverkehr stand, dauerte es weniger als fünf Minuten, bis ein Mercedes mit Sitzheizung hielt und mich die mehr als hundert Restkilometer nach Fes mitnahm.

PS: die Bilder sind nicht in der richtigen Reihenfolge, seht es als kleines Puzzle ;-)

Marokko 4: Zeit zum Denken

Lange Mittagshitzen bieten wundervolle Zeit zum Nachdenken. Und zum Verdauen all meines gesammelten Gedankenmaterials. Ich habe immer mal wieder Stichworte in meinem Handy notiert, um Dinge wie den unendlichen Himmel und die Stromkabel-Wäscheleitungen nicht unerwähnt zu lassen. Dazu will ich die Grundsätze, die mich gerade motivieren, mal wieder auspacken und im Wüstenlicht beschauen.

Da wäre einmal der Gedanke, dass das Leben außerhalb von zu Hause für Frauen nicht gefährlicher ist als für Männer, und mein ganz persönlicher Geschmack, dass es mehr Nutzen als Schaden bringt, sich auf das Unbekannte einzulassen und zu versuchen, mit Anderen mitzufühlen. Dieser (Touristen-)Ort ist ein gutes Beispiel, leider auch im Bereich der Dinge, die Menschen trennen. Geld, vor allem. Der Unterschied wird hier gemacht zwischen den Reichen, die sich eine Erfahrung und schöne Urlaubsbilder kaufen wollen und den Anwohnern, die vom Reichtum ihr Bisschen abhaben wollen. Niemand hier ist noch Nomade und neben den Feldern in der Oase zum Eigenverbrauch arbeitet eigentlich jeder im Tourismus. Bevor wir kamen, warnte die tschechische Couchsurferin uns, dass es hier keine wirklich kostenlose Unterkunft gebe, also alle zumindest eine kostenpflichtige Teilnahme an einer Kameltour erwarteten. Von uns jedenfalls wollte noch niemand etwas. Wir haben tatsächlich einfach das kleine Apartment, wo wir Tajine mit Gemüse vom Markt kochen, und ab und zu treffen wir Hossein, um zu quatschen oder Gesellschaftsspiele zu spielen. Und selbst hier im Café, wo wir als Kunden sind, bekommen wir Oliven oder Madeleines zu unseren Getränken, sitzen auf der Terrasse am Pool (ich weiß, in der Wüste!) und nutzen das Internet.

Dass die Marokkaner bisher also ziemlich nette Typen sind, ist schon mal nicht schlecht. Jedoch sagt das wenig über Frauendinge aus, da ich ja bisher immer mit meinem Bruder unterwegs war und deswegen für Außenstehende immer zu jemandem "gehörte". Der Weg, darüber mehr herauszufinden, wäre natürlich, alleine weiter zu reisen.

Ein weiteres Thema ist der Minimalismus. Ihr wisst vielleicht noch, dass ich nur mit meiner Handtasche unterwegs bin. Soweit war das erstaunlich einfach, gerade in der Wüste trocknen gewaschene Socken in Windeseile und mit meiner Kombi aus Hose, weitem Rock und Zwiebel-Jacken hatte ich das Gefühl, immer gut angepasst zu sein (auch wenn ich froh bin, nicht wie letztes Jahr in Norwegen zu sein). Allerdings schlich sich mit Robins Rucksack auch etwas Bequemlichkeit ein, wenn es um Reiseproviant, Sonnencreme und andere Teilbarkeiten geht. Es wäre doch sehr seltsam, etwas nicht zu nutzen, wenn es schon da ist, aber die Frage, ob es auch ohne für mich geht, bleibt offen. Wieder wäre das nur im Alleingang herauszufinden.

Und dann ist da die Sache, die ich " Realitäts-Check" nenne. Aber nicht in dem Sinne, dass ich mal wieder mehr "Boden unter den Füßen" finden müsste - sondern eigentlich eher anders herum. Es sind ja vor allem die Menschen um uns herum, die unser Denken und unsere Selbstwahrnehmung prägen. Also sollten wir vielmehr die Gesellschaft von Leuten suchen, die Außerordentliches tun und die uns ein bisschen abheben, also inspirieren können.

Solche Leute will ich auf meinen kleinen und großen Reisen kennen lernen und damit meine eigene Realität gegen das messen, was anders, weiter und vielleicht lebenswerter ist. Wenn euch eine gewisse Ahnung beschleicht, dann lasst euch gesagt sein: auch das, und zwar Menschen treffen und in Unterhaltungen versinken, ist alleine einfacher.


Ihr werdet es gespürt haben: auch wenn sie nett und sicherlich eines jeden konventionellen Urlaubs würdig war, so nähert sich die Zeit mit meinem Bruder ihrem Ende. Ich vermisse zu sehr das, was ich eigentlich suche; die Anderen und auch das gelegentliche Alleinsein, das ich zum Reflektieren brauche. Deshalb wird morgen die zweite Phase starten, das eigentliche Abenteuer, wenn man so will. Ich beginne in Errachidia, nicht allzu weit von hier entfernt, bei einer Studentin - um endlich mal eine weibliche Stimme zu hören, die ich hoffentlich verstehen kann.

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Marokko 3: Plastiktüten-Valley und der Sand

Was sagte ich zum Thema Bus fahren? Beim Aufbruch aus Khalid's Dorf kam jedenfalls keiner. Vielleicht weil Freitag war und alle Busfahrer gerade in der Moschee. So genau weiß man das ja nie. Aber Khalid und Imi waren sowieso mit von der Partie und so hielt er nach einer Weile einen Pick-Up an, auf dessen Ladefläche wir mit fuhren. Das Trampen entsteht halt zuerst immer aus einer Notwendigkeit.


In der Stadt Boumalne sprangen wir ab und nahmen zu zweit den Reisebus in Richtung Merzouga, was den ganzen Nachmittag und Abend in Anspruch nahm. 

Währenddessen bot sich uns ein Schauspiel an wechselnder Landschaft; den roten Bergen wichen Gestrüpp-gespickte Hügel und eine steppenähnliche Fläche.Dann, als die Sonne sich gerade dramatisch den Bergen im Horizont näherte, erreichten wir einen Streifen Land, an den man am besten über seinen ästhetischen Wert herangeht, weil es dann nämlich weniger traurig ist. Die geduckten Büsche waren, genau wie der steinige Boden, von kleinen Kreaturen bedeckt, ein transparenter Vogelschwarm auf zwei Kilometern. Willkommen im Plastiktüten-Valley. Jetzt weiß ich wohin die Dinge kommen, in die hier alles fünffach eingewickelt ist.


Wie auch immer, jetzt sind wir in der Wüste, wo die Sonne wirklich erstaunlich stechend ist und wir fast ein kleines Ferienhaus über Couchsurfen bekommen haben, inklusive Hossein, der mit uns spazieren geht und seine Djelabba und den Turban nur überwirft, wenn er im Hotel japanischen Touristen das Essen serviert.


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Marokko 2: Landflucht

Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Reisende sein können, wo sie doch eigentlich das gleiche im Sinn haben.

Wer mich kennt, den wird es jedoch nicht verwundern, dass ich nach zwei Nächten im Hostel auf viele Reisende gar keine Lust mehr hatte. Nicht weil es schlechte Menschen wären - aber noch mehr junge Deutsche muss ich jetzt nicht unbedingt in Marokko kennen lernen. Vielleicht war es auch deswegen nicht allzu leicht für Bruder, sich mir am zweiten Tag anzuschließen, vor allem mir direkt aus Oxford, den Kopf noch voller Agenda-Punkte.

Die Flucht aus Marrakesch half beim Runterkommen und dabei, einen Kompromiss zwischen unseren Vorstellungen zu finden. Also, Bus ja, dann aber Couchsurfing. Jetzt haben wir schon drei Nächte hier bei Khalid und seiner Familie verbracht, mit einem Himmel voller Sterne und der Aussicht auf bröckelnde Lehmburgen (die hier typischen Kasbahs). Sein Haus ist direkt an der Straße, auf der Busse voller Touristen täglich zu den berühmten Dades-Schluchten gekarrt werden, während wir durch die rote Steinlandschaft radeln oder mit Khalid halb wandernd, halb kletternd die Gipfel erklimmen.

Khalid ist faszinierend (jaja, ich weiß, dass ich das dauernd von Leuten behaupte. Überlegt mal, wieso). Als er uns an der Bushaltestelle abholte, kam mir jedenfalls ein Wort in den Sinn, das ich davor noch nie bei einem Menschen so zutreffend fand, und zwar: feingliedrig. Alles an ihm wirkt einfach, naja, fein. Die langen Finger, das geölte schwarze Haar, die gepflegten Klamotten.Genau wie der Charakter, irgendwie. Vorgestern stieß noch eine Tscheschin zu uns, die davon fast das Gegenteil ist. Nicht, dass sie plump wäre, aber wenn man Khalid als Aufsauger bezeichnen könnte, so ist sie ein Herauspruster. So hat dann ihr schallendes Gelächter das seine zur Stimmung im Haus beigetragen.


Zu dritt lernten wir mehr oder weniger erfolgreich ein paar Wörter im lokalen Berber-Dialekt und einiges mehr über die Region. Und zu zweit geht es heute Nachmittag weiter, bis wir dann heute Nacht die nächste Etappe starten. Die Wüste.


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Marokko 1: Streifzüge in Marrakesch

Nichts ist besser als ein Ortswechsel, wenn es darum geht, den Stress von zu Hause hinter sich zu lassen. Schon nach diesem einen Tag bin ich Welten weg, auch wenn ich eher erst mal überwältigt bin. Und sowieso, kein Schlaf. Im Flieger war ich so müde, dass ich den Abflug nicht mitbekommen habe und erst hoch in der Luft meine Augen wieder öffnete. Das habe ich hier im Hostel nachgeholt, das ein klein wenig an mein geliebtes Alobar in Kathmandu erinnert, auch wenn es der Atmosphäre noch etwas hinterherhinkt. Abgesehen von zwei Streifzügen zum Hauptplatz war ich denn auch auf der Dachterrasse gesessen und habe mit einem Angestellten Minztee getrunken und gequatscht und mich über mein Französisch gefreut. Er sprach nämlich kein Englisch und war froh um die Kommunikation, wobei ich vor allem über sein Heimatland, den Kongo, lernte, und alles Mögliche andere diskutierte. 

Die Altstadt erscheint mir bisher wie ein einziger immenser Basar, dazu kommt das nächtliche Schauspiel auf dem Platz, wo man von Kreis zu Kreis treibt und Trommeln, Banjos, Gesang und mehr hört, während man Bratenduft und Terrakottastaub in sich aufsaugt.

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Marokko 0: Vor_Fahrt_Gedanken

In etwa zwei Stunden nehme ich den Bus, um zum Flughafen zu kommen. Morgen früh bin ich in Marokko.

Die Zeit in der Nacht vor der eigentlichen Reise ist immer eine Unruhe. Und auch typischerweise die Zeit, in der Zweifel auftreten, falls sie denn kommen sollten. Ich habe mein Zimmer heute Morgen geräumt und alles, was ich für die nächsten drei Wochen für unentbehrlich hielt, aufgereiht. Und mit Erstaunen festgestellt, dass es tatsächlich in meine Handtasche passt, inklusive Trinkflasche und ein paar Keksen. Die Gürteltasche ist ein Extra, weil meine Freundin Manon sie mir gerade erst mit der Post geschickt hatte und das schöne Stück einen Ausflug wohl verdient hat.

Und die zaghaften Gedanken? Naja, ich kam gerade ins College zurück und spürte die Kälte auf dem Weg, was mir von den Zehenspitzen aufwärts deutlich machte, dass ich nicht besonders viele Klamotten dabei habe. Und keinen Schlafsack. Und mein Bruder hat kürzlich gewarnt, wie kalt die Wüste wirklich sei, und ich solle mich doch nicht so anstellen. Ich mit meinen Extrawürsten. Ich, die ich nicht normal reisen kann, so mit Hostels und Plan und allem im Gepäck. 

Aber ich fasse Mut. Darum geht es ja bei Selbstexperimenten und sowieso Erfahrungen... Und ich will lieber grandios scheitern* als eine nette, reibungslose Tour gehabt zu haben. Hier geht's ja nicht um nett. Worum es eigentlich geht, weiß ich auch noch nicht so ganz. Zumindest nicht auf einem Level, auf dem ich es in Worte fassen könnte. Aber wichtig ist es trotzdem, ganz, ganz wichtig.

Die Augen öffnen, Leben lernen - all das sind Platitüden, die eine Spur dazu liefern, worauf ich hinauswill. Aber jetzt geht es vor allem erst um die Erfahrung selbst. In welche Schubladen das passt, oder auch nicht, kann ich euch danach ja mitteilen.

 

*In dieser Hinsicht bedeutet Scheitern sowieso nur, eine neue Tasche vor Ort zu kaufen und sie mit den Dingen zu füllen, die ich nicht gebracht habe. Als mir das klar wurde, war ich sicher, dass der Versuch das Risiko wert ist.

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